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WALHALLA RISING - Das eiskalte Fegefeuer

"Walhalla Rising" - Das eiskalte Fegefeuer

 

 

   Ein Film, bei dem man einige Entscheidungen treffen muss - im Moment sind es bei mir ganze zwei.

   Die erste wird dabei nicht von jedem gefordert und besteht in der Frage, ob man sich den Film zum wiederholten Mal anschauen soll, bevor man ihm eine Wertung zumutet, so ratlos lässt er einen zurück - und selbst nach zwei Sichtungen stellt sich mir diese noch. Ich widerstehe unerbittlich der Versuchung, den Film zum dritten Mal hintereinander zu schauen, und versuche lieber, meine Empfindungen in Worte zu fassen.

   Das ist wiederum gar nicht so einfach und stellt mich vor eine zweite Entscheidung, die im Grunde von jedem Zuschauer gefordert wird: Will man den Film nun mögen oder verachten?
   Er bietet so viele und so dankbare Gründe für jede Empfindung und ich könnte jetzt mit ebenso großer Begeisterung seine Faszination demontieren und ihn in Grund und Boden bashen - diese nichtssagenden, auf Coolness getrimmte Dialoge, diese Selbstzweckbilderrahmenfüller von Einstellungen, diese um Tiefgang bemühte, aber im Endeffekt doch nichtssagende Geschichte, die nach einem wuchtigen Anfang nach und nach im Nichts verläuft, da will man einfach losgehen und die unzähligen Steilvorlagen für eine Einordnung in die Pseudokunst-Schublade genüsslich ausnutzen.
Aber bei all der Verlockung: Das will ich nicht tun.

 

 

   Vielleicht bin ich einfach nicht mutig genug, um einen Film fertigzumachen, den so viele andere schon in den Himmel hochgelobt haben, vielleicht bin ich zu anfällig für überintrepretierbaren Krempel, vielleicht bin ich mir zu schade, um einen Film schlecht zu finden, den ich nun freiwillig zweimal geschaut habe (soviel Zeitverschwendung kann ich mir selbst doch gar nicht eingestehen!) - doch am wahrscheinlichsten ist es, dass ich selbst verdammt stolz auf mich wäre, wenn ich einen Film wie "Walhalla Rising" gemacht hätte.
   Einen Film, der weder bescheiden noch besonders bodenständig ist - und das, obwohl in ihm tatsächlich nichts Übernatürliches passiert - und der es schafft, eine völlig andersartige Aura zu erzeugen, die mit den wenigsten anderen Filmen vergleichbar ist, am ehesten noch mit Tarkowskijs "Stalker" oder von Triers "Antichrist" - ähnlich visuell greifbar und gefühlt übernatürlich wie der Erste (und in einer Einstellung glaubte ich eine direkte Anspielung gefunden zu haben) und ähnlich kryptisch wie der Zweite.
   Einen Film, der in jeder Szene, in jedem einzelnen Bild mehr Kraft und Ausdruck trägt als manche anderen Filme in ihrer Gesamtwirkung zu erzeugen vermögen - selbst wenn im Endeffekt wenig hinter ihnen steckt, sie wirken selbst losgelöst von jedem Kontext wie eine Verbeugung vor der stoischen Anmut der wilden, unberührten Natur mit ihren nebelumhüllten Bergen, ihren reifen Farben, ihren mystischen Wäldern und ihrer Stille, die manchmal mehr sagt als Musik es jemals tun könnte.
   Einen Film, der durch und durch episch ist - die Aktionen voll von ungebändigter, urtümlicher, wortloser Kraft, als würde der Begriff "Wucht" neu definiert werden, die Gewalt konsequent und unerbittlich, aber niemals sinnlos, die wenigen gesprochenen Sätze wie in Stein gemeißelte Verkündungen einer neuen Zeit, oder auch Vorahnungen von Tod und Verderben.

 

 

   "I once had a dream about this. I couldn't find my way home and then I realized I was dead."

   "Walhalla Rising" ist eine eiskalte und unwirtliche Endzeitvision inmitten von prächtigen Landschaften, eine kryptische Reise durch Ambitionen und Fanatismus und ein fatalistischer Höllentrip ohne irgendwelche Zugeständnisse, Versprechen oder Stützen.
   Die einzige Konstante in dieser Welt, die einen fest im Griff hält und nicht mehr loszulassen vermag, ist One-Eye, ein stummer Krieger von scheinbar unendlicher Kraft und ungewisser Herkunft. Wie der Bote einer anderen, erbarmungslosen und urtümlichen Welt, mit zumeist teilnahmslosem und höchstens verächtlichem Blick, bietet Mads Mikkelsen hier eine beinahe ikonische Performance, die man als perfekte Charakterdarstellung bezeichnen könnte, wenn sich denn ein wirklicher Charakter zeigen würde - so bleibt er ein Symbol, eine Metapher, vielleicht für die Natur, vielleicht für die Menschheit, vielleicht für Gerechtigkeit, vielleicht für die bloße Gewalt. Der den Krieger begleitende Junge antwortet auf die Frage "Where ist he from?" mit "He's from hell." und ist damit wahrscheinlich am nächsten an der Wahrheit dran, ebenso wie der anscheinend wahnsinnig gewordene Krieger: "Can't you hear him? He talks!" Das in Verbindung mit One-Eyes starrem Blick und eine markdurchdringende Gänsehaut ist garantiert.

 

 

   Das alles ergibt am Ende nicht den erhofften Sinn und lässt viel Spielraum für Interpretationen offen - für manche wohl zu viel - und man wird den Verdacht nicht los, das Vielsagende in den Bildern, Situationen und Worten ist doch purer Selbstzweck, kunstvoll ausgelegte Köder für den versessenen Pseudophilosophen. Doch wie es schon bei "Antichrist" der Fall war: Manche Welten, mögen sie in Wirklichkeit noch so leer sein, lassen sich einfach zu gut als Katalysatoren für eigene Gedanken missbrauchen - und wenn sie derartig stimmig und sind wie Nicloas Winding Refns kompromissloser und zum Ende hin rauschhaft-kryptischer Höllentrip, der auch ohne sichtbares Fegefeuer zu verstören weiß, dann lässt man sich umso lieber in eine Trance versetzen, immer und immer wieder, rätselnd, erschaudernd und im Endeffekt einfach nur glücklich ob der Existenz eines solchen Werks.
   Denn für mich ist das hier ein kraftvolles, ungreifbares, berauschendes, poetisches, wunderschönes, brutales und unvergessliches Erlebnis, eine audiovisuelle Dauerekstase und eine einzige Zelebrierung der möglichen (Nach-)Wirkung eines Films - wie eine Reise durch eine Welt der Entfremdung, Einsamkeit, Reue und Schmerz.
   Und dass bei all der gezeigten Brutalität die wahre Grausamkeit des Ganzen sich auf einer subtilen und zunächst kaum spürbaren Ebene befindet, macht den Film zu einem richtig hinterhältigen Monstrum und zu einer der besten Höllenvisionen der Filmgeschichte.
   Das mag so gar nicht stimmen und nur ein Produkt meines eigenen Bewusstseins sein, aber solange dieser Eindruck irgendwie existiert, bin ich dankbar und mein Dank gilt "Walhalla Rising".

   Zum Schluss will ich nur noch sagen: Egal, was man im Endeffekt von diesem Film hält, man muss seine Größe und seinen Größenwahnsinn erlebt haben - denn solche Filme gibt es viel zu selten und irgendwie ist es doch schön, dass es sie so selten gibt, sonst wären sie ja nichts Besonderes mehr.

 

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