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"The Tree of Life" - Die Welt, der Mensch, die Kunst



Die Welt als von unbekannter Meisterhand komponiertes Kunstwerk, dessen einziger zum puren Genuss dieses fähiger Betrachter sich immer nur in den gleichen sinnlosen Fragen verläuft.
Das Leben als Schwanken zwischen einem wunderbaren Tanz und schmerzvollem Stolpern, als zweckloser Kampf dagegen, so zu werden, wie die eigenen Verhassten, da der Niedergang im Widerstand wie im Hinnehmen liegt - und als Dasein als Puzzleteil im schönsten Bild, das es nur geben kann.
Der Mensch als Mensch - und was so simpel klingt, ist zugleich so selten wie überraschend.


 

Malick findet in "The Tree of Life" unzählig viele Bilder, wie man sie entweder noch nie oder viel zu selten erleben durfte: Das beginnt bei der majestätischen und den Begriff "schön" neudefinierenden Weltentstehungssequenz, welche von pulsierenden Sonnen über sich unbewusst räkelnde Embryonen bis hin zu wortlosen, aber psychisch vieldeutigen Dinosauriern reicht und dabei ein kaum fassbares Sammelsurium an in ihrer Farbfülle und Anmut überwältigenden Einstellungen bietet, geht über Kindheitsaugenblickscollagen, wie man sie in dieser Konsequenz und Kunstfertigkeit bislang nur in Animes wie "5 Centimeters per Second" oder "Mind Game" oder Noés "Enter The Void" zu finden vermochte, und endet mit dem scheinbar zu ewiger Einsamkeit im kühlen Wolkenkratzerdschungel verdammten Sean Penn, der wie ein hilfloser Zwerg in einer vom Menschen sebstgeschaffenen, sterilen Hölle wirkt.
Die filmtechnische Qualität dieses Werks ist unbestreitlich grandios, jede einzelne Kameraeinstellung ist ein Kunstwerk für sich, jeder Schnitt ein Teil des allumfassenden Bewusstseinsstroms, welcher die volle Laufzeit auf den Zuschauer herabprasst. Man könnte die alles andere als subtil verwendete klassische Musik sicherlich als kitschig und prätentiös abtun, doch angesichts der puren Bildgewalt und der emotionalen Vielfalt erscheint sie als die einzig würdige Untermalung dieses Rausches: Malick übt sich nicht in falscher Bescheidenheit, seine Vision ist eine große, falls nicht die größtmögliche, und das merkt man ihr in jeder Sekunde an.



Natürlich wird "The Tree of Life" dadurch zu einem riskanten Seiltänzerakt und es ist die logische Konsequenz seiner eigenen inszenatorischen Konsequenz, dass er wohl ebenso viele Verehrer wie Hasser findet - hier wird ohne jegliche Zurückhaltung aus jeder noch so geringen Möglichkeit die maximale künstlerische Wirkung herausgeholt und was Gefühle angeht, so lässt der Film auch hier nichts aus und präsentiert seinem Zuschauer Liebe, Hass und Selbstzweifel in ihren jeweiligen Extremen. Das alles erhält einen religiösen Überbau, an dem sich ebenso unzählige stoßen werden - doch an dieser Stelle möchte ich mit einem gängigen (Vor-)Urteil abrechnen: "The Tree of Life" erzählt letzten Endes nicht von Gott, er erzählt von Menschen, die an Gott - in welcher Form auch immer - glauben. Ähnlich wie Gaspar Noés "Enter The Void" ist auch Malicks Opus die meiste Zeit über eine subjektive Erzählung, weswegen der Vorwurf, der Film würde eine biedere christliche Heilsbotschaft o.ä. darstellen, unhaltbar ist. Wer Atheist ist und für seinen eigenen Standpunkt genügend Selbstrespekt aufbringen kann, wir von "The Tree of Life" gewiss nicht in diesem angegriffen - wer auf irgendeine Art gläubig ist, bekommt ebenso genügend Freiraum, um seine Einstellung im Einklang mit dem Dargebotenen zu bringen.



Daraus folgt die zwar recht überstrapazierte, aber in diesem Falle selten gut passende Aussage: Interpretation > Intention. "The Tree of Life" ist einer dieser Filme, die sich erst mit einer gewissen Hingabe des Zuschauers selbst enthalten, gerade weil er das meiste Gezeigte unkommentiert lässt und seine wenigen menschlichen Ausrufe in die Leere und Fülle der Welt eher wie verzweifelte Hilfeschreie und nicht wie feste Aussagen klingen (und selbst das, was nach Aussage klingt, scheint im Laufe des Films hinterfragt zu werden). Das mag wie eine Entschuldigung für inhaltiche Leere klingen, doch es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Malicks Werk eben nichts aussagt, sondern "nur" zeigt - was wir aus dem Gezeigten entnehmen, ist uns selbst überlassen. So wie es unsere Entscheidung ist, wie wir das Leben und die Welt auffassen, ist auch "The Tree of Life" als Spiegel eben dieser beiden Aspekte auch ein Spiegel unserer selbst, ein Rausch, der uns möglicherweise zu uns selbst führt oder uns von uns selbst entfernt, ein Bilderreigen, in dem wir entweder etwas erkennen - oder aber erkennen, dass es womöglich nichts zu erkennen gibt. Der Schluss wirkt zunächst irritierend und wenig befriedigend (für die meisten Zuschauer zumindestens), doch besinnt man sich wieder auf die Subjektivität der Darstellung, kann es als Erfüllung und Verdammnis zugleich betrachtet werden (und auch hier werden Parallelen zu "Enter The Void" - und sogar zu "Inception" - sichtbar).



In "The Tree of Life" wird gerade angesichts der langen Laufzeit wenig geredet, doch letzen Endes sprechen die Bilder für sich - was sich einem nun sagen, ist das, was man sie sich sagen lässt. Dieser Film kann als filmische Predigt bezeichnet werden, welche den Zuhörer jedoch nicht in Konventionen verdammt, sondern ihm den Weg der Konventionslosigkeit eröffnet - so wie er auf filmtechnischer Seite beschritten wird. "The Tree of Life" ist in jeder einzigen Sekunde ein kosmisches und doch allzu menschliches Kunstwerk, ein unfassbarer Bilderreigen, welcher zwar selten die filmische Schwerkraft überlistet, dafür aber die Grenzen der Zeit seiner eigenen Grenzenlosigkeit zu unterordnen vermag. Dieser Film erscheint wie Malicks "Enter The World" oder sein "Weltspiegel" - ein kompromissloses und überwältigendes Essenzwerk, dessen Großartigkeit einiges an Selbstrespekt verlangt, um ihr gebührend gegenübertreten zu können, dann aber eine Sogwirkung sowie eine Nachwirkung entwickelt, welche wahrscheinlich auf Lebenszeit unvergessen bleibt. Ein selten menschliches Werk, zu dem man auch in vielen Worten kaum etwas wirklich aussagekräftiges sagen kann und welches neben "Stalker", "Irreversibel" und "Enter The Void" den einzigen Film darstellt, der in meinen Augen die Bezeichnung "Überfilm" verdient.


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