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"Sucker Punch" oder Die Unterhaltung von Heute

 

 

   Noch so ein missverstandenes Selbstauslachexperiment.

   Ein unschuldig wasserstoffblonder feuchter Männertraum in der absoluten Opfersituation, welche künstlicher und überzogener kaum sein könnte (tote Mutter, tote Schwester, böser Stiefvater, Ungeschick und Missverständnis und dazu eine ungepflückte Blume, wenn ich den Film mal zitieren darf), gefangen zwischen den beiden Säulen des modernen medialen Verständnisses des Wesens Frau: Zum einen das leichtbekleidete Schmuckstück bis Wichsvorlage inklusive heißer Wut im Bauch und die körperlichen Waffen durch metallische unterstützt, zum anderen die ewig gegen das starke und abgrundtief gemeine und schmierige andere Geschlecht Kämpfende, emanzipiert-postfeministische, bei der auch der obligatorische Eiertritt als platteste Symbolik zum Schluss nicht fehlen darf.
   Der Ausbruch aus dieser misslichen Lage verlockt, doch der Weg dazu führt - selbstverständlich! - durch das Bedienen jeglicher Klischees der beiden Extremen und so wird anmutig geschossen, erotisch geschnetzelt und das alles unter dem wachsamen Auge der political correctness: Keine Menschen, die sterben, nur unwürdige Wesen, soll heißen untote dampfbetriebene Deutsche (immerhin untot!), hässliche Orks (die ewigen Opfer der Fantasygames) oder Roboter mit HDR-Spiegeleffekten statt Gesichtern. Nicht dass es irgendjemand wegen zu niedrigen Alters verpasst - wobei das, wie es Realität, die größte Satire auf Erden, möchte, auch zu keinem Erfolg führt.
   Und damit der Wunsch nach dem fehlenden Boden ebenso befriedigt wird: Bewusstseinsebenen und eine obligatorische Wendung, als ob man es anders erwartet hätte.

 


   Was Zack Snyder hier versucht, ist ohnehin viel zu überambitioniert, und es ist kein Wunder, dass der Film sowohl in sich als auch bei Kritik und Publikum scheitert.
   Zum Ersten könnte man als Begründung anfügen, dass der Film durch Studioeinschreitungen und von Missverständnis und Irritation geprägte Testvorführungen gar in mehreren Aspekten verstümmelt wurde - und die platten Dialoge könnten sich eventuell als subversive Kritik an dem belanglosen Hin-und-Hergelaber und der gnadenlosen Erklärungswut des modernen Blockbusterkinos gelesen werden, wobei selbst mir dafür die Nerven fehlen, fürchte ich.
   Das zweite Scheitern resultiert vielmehr aus der absoluten Nicht-Symbiose aus hintersinnigem Zeitkulturgeistkommentar und ebenso absoluter Zielgruppenanbiederung - "Sucker Punch" lacht sein eigenes Genre ungehemmt aus und lacht zugleich schallend mit, indem er die Unmöglichkeit des Ausbruchs aus den Klischees und Plattitüden porträtiert und sich dabei an allen Schauwerten, welche diese bieten, aufgeilt.
   Und so gibt es hier völlig unkaputtbare Mädels, welche auch nach zehn Schlägen ins Gesicht und meterweiten Flügen quer durch die Gegend immer noch makellos gestylt sind und nicht ein Staubkorn mehr im Gesicht haben, geschweige denn eine Narbe oder eunen blaunen Flecken - wie auch sonst, was wollen wir böses Männerpublikum schließlich? 1) geil aussehende Frauen, 2) + fette Action, 3) ABER mit Schläge einstecken statt nur Schläge austeilen, die sollen auch mal ein wenig leiden 4) ABER (!!!) dabei immer noch geil aussehen.
   Und Actionsequenzen, welche endgültig auf Logik, Physik oder Sinn pfeifen und nichts anderes sind als Zelluloid und CGI gewordene Zockerphantasien: Immer ein knappes Briefing, damit man weiß, worauf man sich zu feuen hat, danach geht's ab aufs Schlachtfeld, nein, auf die Map, auf DIE Map, im God-Mode und mit unendlich Munition. Hier entfesselt Snyder ein Spektakel, welches in seiner grenzenlosen Selbstbegeisterung seinesgleichen sucht und in der womöglich künstlichesten One-Shot-Actionszene (im Zug gegen die bereits erwähnten Spiegeleffekt-statt-Gesicht-Roboter) einen überwältigenden Höhepunkt findet (sofern man diese Art von Action mag und nicht beim Anblick von CGI in hasserfüllte Zuckungen verfällt).
   Und dazwischen die immer gleichen Unsicherheits- und Motivations- und Erklärungstiraden und Figuren, die so platt sind und bleiben, dass man es kaum fassen kann: Will man uns wirklich das hier zumuten? Hält man uns für so blöd? Geht es auch einen Ticken subtiler?

 


   Natürlich ist man versucht, "Sucker Punch" zu verachten, ihn als einen der grausamsten Auswüchse der modernen Nicht-Kultur zu schimpfen und als das Actionfilm-Äquivalent zum Tiefpunkt der heutigen Romanzenvorstellung namens "Twilight" zu sehen - aber den Verdacht, dass der Film letzten Endes genau das sein will, werde ich nach wie vor nicht los.
   Das hier ist ein "Friss das!" für alle, ein Vergnügen für die Pubertierenden und saftiges Zerreißfleisch für den Feuilleton und eine schillernde Überinterpretationsplattform für die möchtegern-alternativen Denker und ein visueller Orgasmus für die, die schon beim Trailer einen hatten.
   Das hier ist ein Versuch, einen Spiegel vorzuhalten, indem man selbst zum Spiegel wird und zwar zum glattesten und poliertesten weit und breit, immer und immer wieder die Gesinnung ändernd: Beginnend mit dem neulich in "A Serbian Film" wunderbar böse präsentierten Konzept "Die Kunst/der Zuschauer braucht Opfer!", unterbrochen durch ein herrlich selbstironisches "Nanana, das will so doch keiner sehen, das ist doch viel zu überzogen!" und dann entgleisend in Brachialität und kunterbunt-metzelfreudigen Eskapismus.
   Wenn Babydoll die Augen schließt, dann hat selbst sie, die aus ihrer Rolle entfliehen möchte, nur Klischees vor Augen und kann somit nie gegen diese, sondern durch diese kämpfen - und da entwickelt "Sucker Punch" eine Ehrlichkeit zu sich selbst, die man woanders vermissen muss.
   Und selbst wenn man den Film nur auf seiner oberflächlichsten Ebene zu erfahren vermag, hat er einen unabstreitbaren Wert: Er ist in diesem Falle DAS dämlich grinsende und mit lauter teurem Spielzeug, dessen Sinn es nie erfahren wird, herumhantierende Kind seiner Zeit und damit ein beispielhaftes Exempel an dieser.
   Platt, pathetisch, pubertär - und zugleich seines Namens würdig, als Schlag von hinten ins Gesicht von Produktion, Rezeption und Zeitgeist. Und in so einigen Augenblicken KINO at its best, by the way.

   (selten so viel und zugleich so wenig geschrieben - danke, Zack, für dieses herrliche Teil! und ich freue mich auf den Director's Cut, auch wenn selbst dieser der eigentliche Vision nicht ganz gerecht wird)

 

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