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STALKER - Die Essenz des Menschlichen

"Stalker" - Die Essenz des Menschlichen

 


   "Ich habe kein Gewissen. Ich habe nur Nerven. Irgendein Mistkerl beschimpft mich und ich trage eine Wunde davon. Ein anderer Mistkerl lobt mich - eine weitere Wunde. Ich lege mein Herz und meine Seele in mein Werk - sie fressen das Herz und die Seele. Ich nehme den größten Morast aus meiner Seele und sie fressen den Morast. [...] Was für ein Schriftsteller bin ich denn, zum Teufel, wenn ich das Schreiben hasse. Für mich ist das eine Qual, eine schmerzvolle, peinliche Tätigkeit, als würde ich Hämorrhoiden herauspressen. Früher dachte ich noch, dass Menschen durch meine Bücher besser werden. Aber es braucht mich doch niemand! Ich werde verrecken und zwei Tage später werden sie mich vergessen und jemand anderen fressen. Ich wollte doch sie verändern, doch nun haben sie mich verändert, nach ihrem Bild und ihrer Art. Früher war die Zukunft noch die Fortsetzung der Gegenwart und alle Veränderungen waren irgendwo dort, hinter dem Horizont. Und nun ist die Zukunft mit der Gegenwart verschmolzen. Doch sind sie denn bereit dafür? Sie wollen doch gar nichts wissen! Sie fressen nur!"

 

 

   Sollte die Menschheit irgendwann vernichtet werden oder sich selbst vernichtet, so möchte ich jede nur verfügbare höhere Instanz darum anflehen, "Stalker" vor der Zerstörung zu bewahren und für die Welt als eine Erinnerung an uns alle behalten.

   Als Erinnerung an unseren Drang danach, alles zu erklären, in Formeln und Statistiken zu fassen, zu archivieren und zu verstehen, obwohl wir doch nichts verstehen.
   Als Erinnerung an unseren Glauben, unseren naiven Glauben daran, dass die wahre Stärke in der Schwäche liegt, der Sieg im Aufgeben, der Erfolg im Scheitern, weil es kein Scheitern gibt, solange wir nur begreifen können, dass wir nur scheitern können.
   Als Erinnerung an unseren grenzelosen, blinden Egoismus: "Von der gesamten Menschheit interessiert mich nur ein einziger Mensch - ich selbst. Bin ich etwas wert oder bin ich ein Stück Dreck wie manch andere?" Und an die Augenblicke, in denen wir begreifen: Wir sind der gleiche Dreck wie alle anderen auch und doch ist niemand Dreck.
   Als Erinnerung an unsere endlosen Diskussionen darum, welche Welt die wahre ist: Das Atompuzzle, der Selbstdarstellungskäfig oder der warme Hort.
   Als Erinnerung daran, dass wir für unseren Nächsten gebettelt haben auf knien und doch nur uns selbst beglücken wollten, und dass wir niemals zugegeben haben, was wir WIRKLICH wollten.
   Als Erinnerung daran, dass wir die längsten und schwierigsten Wege nur darum gingen, um irgendwann uns selbst gegenübertreten zu können.
   Als Erinnerung daran, wie wir nie vor uns selbst fliehen konnten, egal, wie lange wir liefen.
   Als Erinnerung daran, wie wir immer und immer wieder an der Definition von Gut und Böse verzweifelten.
   Als Erinnerung daran, dass wir uns über alles andere erhoben und doch nie die Füße vom Boden der Tatsachen heben konnten.
   Als Erinnerung daran, wie wir erkannten, dass wir alleine die Welt um uns herum schufen und daran zugrunde gingen, nur um anschließend doch die Kraft zu finden, aufzustehen und weiterzugehen.

 

 

            

 

   Und als Erinnerung daran, wie wir manchmal das Unsagbare zu sagen vermochten, wie wir das Unwirkliche in Bilder bannten und das Unfassbare fühlbar machten - wie wir aus dieser Welt, unserem verbitterten Röcheln und Unmengen von Zelluloid Spiegel für uns schufen, in denen wir uns Ewigkeiten betrachten könnten und doch niemals alles zu sehen bekämen - wie wir uns staunend auf eine Reise in unsere eigenen Seelen begaben und nicht wussten, ob wir erschaudern oder vor Erfüllung heulen sollten - wie wir in Kunst unsere eigene Essenz zu bannen vermochten und die Schmerzhaftigkeit dieses Vorganges uns eine Erfüllung war, weil wir durchmussten und immer wieder durchmüssen.

   Die Kunst, die Wissenschaft und der Glaube machen sich auf einen Weg, zu erkennen, dass sie alle auf einen gemeinsamen Nenner zu kürzen sind, welcher Mensch heißt. Vorbei an in unberührbarer Natur vergammelnder Technik, vorbei an psychischen Fleischwölfen, die nur in unseren Köpfen existieren, vorbei an im Wasser versinkenden Kalenderblättern mit unserem Todesdatum darauf, liegt unser aller Ziel im Zimmer, welches unsere Wünsche erfüllt uns es doch niemals tun soll, weil wir selbst nicht wissen, was wir wirklich wünschen.
Doch wenn unser sehnlichster, wichtigster und unsagbarster Wunsch darin besteht, einmal, ein einziges Mal nur in uns selbst zu blicken und uns nicht mehr zu schämen, sondern stolz darauf zu sein, stolz und glücklich, dass wir schlicht und einfach SIND, dann, ja dann...

   "Stalker" ist mehr als nur ein überatmosphärischer Bewusstseinstrip, mehr als nur ein durchkomponiertes Kunstwerk über die Schönheit des Schmutzes, mehr als nur ein niemals endender Diskurs um alles, was uns je beschäftigt hat. "Stalker" ist Überkunst. Ein Manifest unserer Seelen. Eine Rückkehr zu sich selbst. Eine Reise ohne Wiederkehr. Schlichtweg die Essenz des Menschlichen - und ein letztes verstörendes und erfüllendes Ja! zu unserer selbstverdammten Spezies.

 

 

             

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