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MELANCHOLIA - Der Widerspruch

"Melancholia" - Der Widerspruch



Vielleicht ist es deswegen so schwierig, über "Melancholia" zu schreiben, weil er - im Gegensatz zu den meisten anderen, falss nicht gar allen Filmen - ein wirkliches Ende hat. Keinen Schluss, keinen heruntergelassenen Vorhang, sondern einen Schlusspunkt, nach welchem kein Sequel, kein Epilog und kein abschließendes Wort Platz hat.
"Melancholia" fängt als pure Konzentration an, doch irgendwann lässt von Trier alle Fäden fallen - wirft sie vielmehr mit voller Wucht in das Gesicht des Zuschauers - und belässt es bis zuletzt dabei, seine Figuren ohne Führung und ohne Rahmen bangen und verzweifeln zu lassen. In der Hoffnung, etwas dabei zu erfahren? Vielleicht. Man möchte meinen, Menschen erkennt man als solche in Extremsituationen und ihrem Umgang damit am besten. Wer dem zustimmt: Viel Spaß in den letzten Tagen von "Melancholia" (Stunden? Minuten? Andere Filme dauern Stunden und Minuten, dieser hier dauert eine gefühlte Woche).

 

 

"Lars von Triers grausamster und konsequentester Film", meine Worte vor einem gefühlten halben Jahr. Ich nehme keines dieser zurück. Was war nochmal mit "Antichrist"? Diesen habe ich lange genug durchforstet, um selbst darin Hoffnung auf Erlösung zu finden - wer lange genug in die Finsternis schaut, wird schon das erhoffte Licht erblicken - und "Melancholia", "Melancholia" bietet einem keine solche Möglichkeit.
Und klar, ich verstehe, was manch einer meint - es geht um das Akzeptieren des Lebens und ja, die letzte Tat der Protagonistin ist von einer urplötzlichen Wärme - aber geht es nicht auch um das Akzeptieren des Untergangs?
Der absoluten Zerstörung?
Sagt was ihr wollt, für mich ist das Akzeptieren des nahenden Nichts auch ein Urteil über diese Welt.
(Nicht dass sie es nicht verdient hätte)
Und natürlich auch - und das lasse ich mir gerne immer wieder auf der Zunge zergehen - ein Ideal des Determinismus, das Abfinden mit dem eigenen - und dem aller - Schicksal und ich muss zugeben, ich habe dafür den größten Respekt, den ich aufbringen kann.

Und (auch) hier schließt sich der (immer wieder und doch nie oft genug) gezogene Kreis zu "Antichrist":
Wo dort die Menschen auf der Flucht voreinander und vor sich selbst waren, geht es in "Melancholia" darum, mit größtem Stoismus stehen zu bleiben - und über sich ergehen zu lassen, was kommen mag.
Wo dort die Welt auf den eigenen Mikrokosmos reduziert war und mit einem unterging, geht in "Melancholia" das eigene Leben zugrunde, weil die Welt untergeht.
Wo dort nach allem Chaos ein riesiges Fragezeichen übrigblieb (und das merkbare Lächeln des bösen Dänen), ist "Melancholia" ein letztes Ausrufezeichen, nach dem es kein Lächeln gibt, weil es keine Emotionen und auch sonst nichts geben kann.
Wo von Trier in "Antichrist" seiner Depression eine Spielwiese zum Austoben bot, ist es in "Melancholia" vorbei mit dem Herumspielen - jetzt wird sich auf den Boden gesetzt und gewartet.
Und sich der Frage "Wie reagiert man, wenn das Ende der Welt naht?" gewidmet, indem man die Beantwortung dieser großartigen Schauspielern überlässt und beim Beobachten dieser vielleicht der gemeinste Voyer aller Zeiten ist.

Es würde so gut passen, wenn dies von Triers letzter Film wäre, weil er ab jetzt nicht mehr weiter gehen kann und weil ab jetzt keiner weiter gehen kann.
Doch er scheint weitermachen zu wollen - man könnte sogar sagen, mit neuer Kraft.
Entgegen des eigenen Sujets ist "Melancholia" für unseren Lieblingsdänen kein Tiefpunkt, sondern ein Wiedereinstieg, eine Rückkehr, nach einer Phase der Sinnlosigkeit.
Und deswegen auch der Titel: Weil die Melancholie der Tatenlosigkeit sterben muss, um wirklich zu weichen.

 

 

Ich meine, wie gerne habe ich früher regelmäßig über Filme reflektiert? Und wieso tue ich es in letzter Zeit so selten?
Weil ich umgezogen bin und wenig Zeit hatte? Weil ich mich urplötzlich selbst um meine Nahrungsversorgung kümmern muss? Weil ich einfach nicht die Filme sehe, die mich dazu bewegen? Wohl kaum. Wohl eher aus reiner Faulheit. Und aus der Angst, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.
Als ob ich etwas zu verlieren hätte.
Und doch schaffe ich es genausowenig, eine bestimmte Nummer anzurufen, wie Justine es nicht schafft, ihr Bein in eine Badewanne zu heben.
Weil wir manchmal einfach nur - und bestimmt auch gerne! - Angst haben und uns in Selbstmitleid suhlen, nur um selbst nichts verändern zu müssen und weil Freiheit grausam sein kann und wir deswegen lieber nichts tun.
Und weil es der Erkenntnis bedarf, dass selbst das Ende der Welt nichts Beängstigendes sein muss - und dass wenn es geschieht, es aus einem guten Grund geschieht.
Und weil unser Glück und Frieden darin liegt, zu akzeptieren und sich zu arrangieren.
Nicht zu fliehen, nicht zu verfluchen, nicht zu hassen, sondern zu wissen, dass nichts falsch ist. Und dementsprechend - auch nichts, was wir tun.
Was doch eine schöne Botschaft ist, auch wenn ein einziges, letztes Zucken in der Schlusseinstellung mir stärker ins Herz gebissen hat als jede Abweisung im realen Leben - diesen habe ich mit einiger Distanz noch immer gedankt.
Aber während "Melancholia" endet, leben wir weiter.
Und können somit diese Erkenntnis über die Schwelle tragen, an welcher sie erworben.
Und das ist toll.

Und weil ich in diesem Moment mir selbst widerspreche und wahrscheinlich gegen mehr als nur eine der irgendwann aufgestellten und kürzlich wiederentdeckten Lebensregeln verstoße, weiß ich, dass von Trier es wieder geschafft hat.
Weil die versprochene Erlösung aus "Antichrist" endlich greifbar ist.
Und weil ich mal wieder merke, dass ich, wenn ich mich zum Denken zwinge, immer noch am zufriedensten bin.
Und weil ich wieder das Gefühl habe, dass ich viel geschrieben und nichts gesagt, und es mir absolut egal ist.
Und weil Reflektion > Intention.
Und weil mich das lächeln lässt.

Danke, Lars.

 

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