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"Inglourious Basterds" - Die Macht von Film und Kino

 

                         

 

   Der Baseballschläger des "Bärenjuden" trifft den Kopf des Nazigenerals, immer und immer wieder, begleitet von Jubel und begeisterten Rufen. Nicht nur von denen der Soldaten in dem Film - auch einige Menschen im Kinosaal jubeln mit, lachen und klatschen. Am Ende des Films sieht man das filmische Äquivalent dieser Menschen - es ist Hitler höchstpersönlich, welcher bei der Uraufführung des Propagandafilms "Stolz der Nation" bei jedem erschossenen britischen Soldaten einen kleinen cineastischen Orgasmus erlebt.
   Ein anderer großer Moment der Freude: Der obercoole Hans Landa tötet die unsympathische Bridgit von Hammersmark, qualvoll und brutal. "Die hat's echt verdient, die Schlampe", denkt man sich, "gut gemacht, Landa!" Und freut sich somit darüber, dass ein gewissensloser Massenmörder gerade eine britische Spionin tötet, die tagtäglich ihr Leben riskiert, um gegen Hitlers Pläne vorgehen zu können.
   Doch sobald man sich während Aldo Raines Monolog kurzzeitig an Tyler Durdens Tiraden in "Fight Club" erinnert fühlt, ist man auf dem richtigen Weg, was das Verständnis von Tarantinos Werk angeht: Denn Filme bedeuten selten die pure Wahrheit. Wie im Grunde jegliche künstlerischen Werke.

 

                 

 

   Geschichte ist eben nicht unbedingt das, was wirklich geschehen ist, sondern das, was in Geschichtsbüchern steht - und wer diese nicht liest, für den ist es dann eben der zum Thema gesehene Film. Und sobald jemand aus dem Kinosaal tritt und ein erstauntes "Ach, so ist Hitler also gestorben!" von sich gibt, weiß man, dass Tarantino eine der besten Verbeugungen vor dem Medium Film gedreht hat.
   Da kann der Film noch so sehr mit einem superben Soundtrack, einer motivierten und perfekt passenden Besetzung, einer genreüberschreitenden Ästhetik, einer bitterbösen und eindeutig auf "Kult" ausgerichteten Schlusspointe und der gewohnten Eloquenz einen auf halbwegs massentaugliche Unterhaltung und somit auf hemmungslose Zelebrierung seiner eigenen Art machen - er ist zugleich und zu einem mindestens ebensogroßem Teil eine Hinterfragung und Bloßstellung einer ganzen Kulturspalte, sowohl in einigen einzelnen Szenen als auch als Gesamtwerk betrachtet.

 

 

 

   Was "Pulp Fiction" für den Gangsterfilm gewesen ist, ist "Inglourious Basterds" für das gesamte Medium und nur seine wenigen Längen verhindern eine höhere Wertung.
   Ganz großes subversives, manipulatives und hintersinniges Genrekino jenseits von Genrezuordnungen, über das man noch so viel mehr schreiben könnte, dass es eigentlich eine Schande ist, schon an dieser Stelle aufzuhören.
   Aber da es immer noch besser ist, seine Größe zu erleben, als von ihr zu lesen, kann ich mich damit abfinden, nun mit einem Augenzwinkern über sie zu schweigen.

 

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