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ENTER THE VOID - Die pure Konsequenz

"Enter the Void" - Die pure Konsequenz

 

 

 

   Es ist - wie schon in Noés vorhergehendem Werk "Irreversibel" - nicht etwa eine tiefgründige Geschichte, die diesen Film trägt und ihn zu einem mindestens bemerkenswerten und höchstens perfekten Erlebnis macht. "Enter the Void" ist so frech, dem Zuschauer eine nicht besonders einfallsreiche Story vorzusetzen, die im Grunde keine nennenswerten Figuren enthält und trotz der Tatsache, dass man sie in einem einzigen Satz erzählen könnte, auf über zweieinhalb Stunden gestreckt ist. Welche sich stellenweise wirklich wie Kaugummi ziehen und die Filmdauer wie eine Unendlichkeit wirken lassen.

   Es ist auch nicht Provokation, wie man sie eigentlich erwartet. Gewaltexzesse wie in "Menschenfeind" und "Irreversibel" bleiben in "Enter the Void" überraschenderweise außen vor - bis auf einen ziemlich abstoßenden, aber auch alltäglichen Aspekt bleibt man von Schockeffekten verschont. Stattdessen gibt es eine Überdosis Erotik - doch zeigefreudige Sexszenen im Arthousekino sind heutzutage auch nichts Neues mehr. Nein, die Prämisse ist nicht in der Lust am Provozieren begraben - nicht im herkömmlichen Sinne zumindestens.

   Es ist vielmehr die Konsequenz, mit welcher der Regiesseur seine Vision von dem Nachtodeszustand aus Zelluloid bannt, und welche diesen Film als sein Essenzwerk kennzeichnet, als die kompromisslose Umsetzung der eigenen Wünsche und Gedanken, ohne irgendwelche Zugeständnisse an den Zuschauer. Der letzte Film, der mit einer solchen Arroganz jegliche Konventionen ignorierte und den Zuschauer nach einem halbwegs nachvollziehbaren Beginn in einen Abgrund stieß, aus dem es so schnell kein Entkommen gab, war David Lynchs "Inland Empire". Dessen absolute Subjektivität wird nun von Gaspar Noés neustem Werk wieder erreicht - und auch hier auf eine Art und Weise, die im Moment des Betrachtens zum größten Teil eine reine Zumutung ist.

 



   Wurden die Zuschauermassen in "Menschenfeind" von den Monologen des Protagonisten beleidigt und in "Irreversibel" durch die teilnahmlose Kameraperspektive in der berüchtigten Tunnelszene sowie einer brutalen Tötungs, nein, besser: Zerschmetterungsszene, ist es in "Enter the Void" das Tempo und die Bewegungen der Kamera, die einen irgendwann an die Grenzen des Erträglichen bringen. Die Seelenwanderung des Protagonisten beherbergt die immer gleichen Bewegungsabläufe, die Motive wiederholen sich andauernd, immer wieder wird man elend langem Flimmern ausgesetzt, oder sieht zum tausendsten Mal die vorbeischwirrenden Straßen aus der Vogelperspektive. Das ist zunächst schön anzusehen, doch irgendwann wirkt es nervtötend - zudem verzichtet die Geschichte größtenteils auf wirkliche Höhepunkte, die Dialoge teilen einem nichts mit, was man nicht schon einmal irgendwo ander gehört hat, die einzige Ausnahme dabei ist die Zusammenfassung des "Tibetischen Todesbuchs" irgendwann während der ersten halben Stunde des Films. Und durch die extreme Länge des Films hat man bald das Gefühl, man wäre seit einer Ewigkeit in einer trostlosen Zwischenwelt gefangen, aus der es kein Entkommen gibt.

   Doch so genervt und gelangweilt man während der Sichtung hin und wieder sein mag - im Rückblick erscheinen diese negativen Aspekte plötzlich gar nicht mehr so negativ.
   Ganz im Gegenteil - sie sind ein perfekt in die eigentliche Prämisse eingefügter Aspekt, ohne den der Film seiner Ehrlichkeit beraubt wäre. Denn egal, ob man ihn nun als die Darstellung des Zustandes nach dem Tod oder als "nur" einen krassen Drogentrip ansieht, eines ist immer sicher: Er will etwas rüberbringen, was höchst ungemütlich ist und keine Möglichkeit zur Flucht bietet.
   Und im Endeffekt ist es dieses stundenlange Ertragen dieser inszenatorischen Zumutung, welche den Schluss zu dem macht, was er ist - nämlich zur absoluten Katharsis. Der ungehemmte Trip durch eine dreckige und hässliche Welt findet tatsächlich ein Ende, wie es schöner nicht sein könnte, weder was die inhaltliche, noch was die Wirkungsebene angeht. Und alles, was man bis dahin gefühlt hat, ist im Grunde das Gleiche, was der Protagonist fühlte.
   Wenn man "Enter the Void" seine Langatmigkeit und seine distanzierte, unreflektierte Haltung als einen Minuspunkt anrechnet, dann übersieht man, dass er doch nur durch diese Aspekte so funktioniert, wie er sollte. Er will kein Vergnügen sein, er will nichts Greifbares liefern, er will den Zuschauer nicht auf festen Boden - er will ihn frei schwebend durch eine Welt, die er nie berühren kann.
   Dieses Ziel wird sogar in den Bildern selbst deutlich: Einerseits sind sie unheimlich realistisch und wirken oftmals zum Greifen nahe, andererseits sind sie eindeutig einer anderen Ebene zugehörig. Sobald Oscar nach seinem Tod alle Möglichkeiten dazu verloren hat, auf seine Umwelt einzuwirken, befindet man sich auch als Zuschauer auf einer eindeutigen Distanz zum Gezeigten. Diese Abgeschiedenheit, diese reine Beobachterposition ist das latent Verstörende in "Enter the Void" - nicht etwa der Sex und die Gewalt.
   Und wenn man später auf dieses Erlebnis zurückblickt, dann weiß man, dass die Momente, in denen man am liebsten den Kinosaal verlassen würde, kein Fehler des Regiesseurs, sondern voll und ganz gewollt waren. So wie man in "Inland Empire" der Verwirrung der Protagonistin ausgeliefert war, ist man in "Enter the Void" komplett in der Lage von Oscar gefangen, sieht alles nur durch seine Augen, begibt sich nur dorthin, wohin er sich begibt. Und damit erfühlt man auch seine Verzweilfung und sein Leid, als ein körperloser Geist, zum scheinbar ewigen Schweben durch die Welt verdammt.

 



   Gaspar Noé macht in "Enter the Void" keine Gefangenen: Seine (beziehungsweise die buddhistische) Vision eines Daseins nach dem Tod ist eine höchst ungemütliche und der Zuschauer spürt das in jeder Minute. Es gibt nicht viele Filme, die sich so konsequent allen gewohnten Konventionen widersetzen und den Zuschauer mit einer solchen Intimität in die Geschichte einfließen lassen. "Enter the Void" ist ein nie zuvor gesehener Trip, der trotz der Tatsache, dass er von einem der provokantesten Filmemacher unserer Zeit gedreht wurde, von einer unendlichen Menschlichkeit erfüllt ist. Ein Trip, an den man später zurückdenkt und es gar nicht glauben kann, dass es etwas Derartiges geben kann, dass so etwas in einem Film möglich ist. Gaspar Noé nutzt filmische Mittel so geschickt, dass man irgendwann vergisst, dass alles Gesehene in dieser Welt geschaffen wurde - so andersartig wirkt das Gezeigte, so weit entfernt wirkt die Welt aus Oscars Perspektive.

   "Enter the Void" ist das essentielle Werk eines großen Normverweigerers, ein unendlich ambitioniertes Experiment, welches es nach über 100 Jahren Filmgeschichte schafft, das Medium Film auf eine bislang (zumindestens in dieser Konsequenz) noch nie erreichte Ebene zu heben, den Begriff "Rausch" neu zu erfinden und die Subjektivität endgültig zu perfektionieren (ja, noch mehr als "Inland Empire", da dieser Film komplett durch die Augen des Protagonisten gezeigt wird!). Ja, er ist eine Beleidugung, eine Zumutung und an vielen Stellen eine echte Qual, die auch der größten Masochist nicht mehr genießen kann - doch er ist ein Durchbruch in einen Level, der uns bisher in diesem Medium verschlossen blieb. "Enter the Void" ist der erste wirkliche filmische Drogentrip und einer der wenigen echten auf Zelluloid gebannten Räusche (neben "Letztes Jahr in Marienbad" und "Inland Empire"). Er ist reine Hoffnungslosigkeit und pure Erfüllung zugleich, er ist im Grunde nicht durch Worte zu erfassen, nicht in Sätze zu bannen. Denn ich merke, dass mit allem, was ich bisher geschrieben habe, irgendwie doch nichts gesagt ist.


   Nur noch soviel, auch wenn es noch so abgenutzt klingen mag, doch ich glaube ganz fest daran: Wer diesen Film nicht im Kino gesehen hat, der hat ihn nicht gesehen. Und wer ihn nicht gesehen hat, hat etwas wahrhaftig Großes verpasst. Denn lässt man sich von dieser Reise erfassen, dann kann man so viel Leben und so viel Gefühl spüren, dass man im Endeffekt nicht auf die kleinen Mängel böse sein kann. Und wenn man am Ende mit einem riesigen Grinsen im Gesicht auf die Straße tritt und die Welt einem plötzlich ganz anders erscheint als zuvor, dann weiß man: "Enter the Void" ist ein Meisterwerk.

 

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