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DANCER IN THE DARK - Manipulation bis über die Schmerzgrenze

"Dancer In The Dark" - Manipulation bis über die Schmerzgrenze

 

 

   Die Zuneigung beginnt ganz am Anfang, wenn man Zeuge eines Intros wird, dessen sinnlose Schönheit man gar nicht in Worte fassen kann und welches einem das Gefühl gibt, etwas sehr, sehr Gutes und Wichtiges zu schauen.
   Die Abneigung beschleicht einen zwanzig Minuten später, wenn man plötzlich merkt, dass man die Figuren in sein Herz geschlossen hat und es kaum aushalten würde, wenn ihnen etwas Schlimmes zustoßen würde.
   Dass etwas Schlimmes passieren wird, liegt auf der Hand - das ist schließlich die wundervolle Ideenwelt des Lars von Trier, seines Zeichens arroganter Manipulator und pathologischer Amerika- und Menschenhasser + Menschenquäler.
   Und an diesem Zeitpunkt dachte ich nur kurz "Lars, du Arschloch, wieso tust du mir das an?"
   Dabei müsste ich vielmehr fragen: "Wieso tue ich mir das an?" - zum Schauen werde ich schließlich von niemandem gezwungen, höchstens von meinem Ego und das gehört ja wohl zu mir.
   Und jenes braucht anscheinend solche filmischen Grenzerfahrungen - gerne, friss ruhig, es ist genug da, reich für so einige Magenverstimmungen.

 

   So kam es, dass ich am Ende mit nach unten verzogenene Mundwinkeln, auf die unsere Bundeskanzlerin neidisch gewesen wäre, und zusammengeballten Fäusten übrigblieb - immerhin ohne eine einzige Träne vergossen zu haben, diesen Gefallen wollte ich dem arroganten Schwei...ähm, unserem allseits geliebten Herrn von Trier doch nicht tun.
   Und mit dem Gefühl, als wäre ich gerade selbst diesen Weg gegangen, als hätte ich zwischen kalten, schmutzigen Wänden gekauert und mir die Seele aus dem Leib gewinselt.
   Am Ende retten einen keine noch so fröhlichen und lustvollen Gesangseinlagen vor der grausamen Tristesse der Realität, vor der unbarmherzigen Konsequenz der Geschichte, die von Trier wie einen riesigen Stein über den Zuschauer drüberrollt und das immer und immer wieder, bis er ihn leicht anhebt und auf einen fallen lässt.
   Bäm! macht's und man ist da, wo man nicht sein will und wo man dennoch sein wollte, wie es scheint.

 

   Sicher, von Trier missbraucht uns alle viel zu gerne als Bauklötze, aus denen er sich Figuren von zerrissenen, geschockten und verarschten Männchen bastelt, nur um anschleßend darüber herzlich lachen zu können - aber was kann man von einem Film denn Größeres erwarten als eine emotionale Manipulation in Perfektion?
   Als ästhetische Direktheit, psychische Ungeschminktheit und physisch schmerzhafte Nähe?
   Und - als besonderes Schmankerl - eine gelungene und passende musikalische Untermalung, nein, eher Kontrastierung: Die durch Frohsinn und Optimusmus schockierende Musicaleinlagen in Dogma-Optik sind ein berauschender Fremdkörper und eigentlich doch keiner, vielmehr ist es die restliche Welt.
   Björk als eine Heilige in einer Welt aus Unverständnis und Verrat und der Zuschauer mittendrin, im Puls des Geschehens, schockiert, verstört, deprimiert und somit genau so, wie ihn der gute alte von Trier haben wollte.
   Das ist sicherlich gemein und unfair und ziemlich arrogant, aber manchmal braucht man eben eine solche Klippe, um auf den harten Boden der Tatsachen zurückzukommen von den vermeitlichen Höhen der eigenen nichtigen Probleme.
   Und außerdem: Sind wir nicht alle manchmal ein wenig masochistisch?

 

   In dem Sinne: Lieber Lars, du bist ein echter Mistkerl - aber irgendwie doch ein verdammt liebenswerter und wichtiger.

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