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"A Serbian Film" - Wütende Provokation

 

  

 

    Zuerst einmal ist "A Serbian Film" eines - und das ist Provokation pur. Der Film beginnt mit einer Szene, in der ein Minderjähriger einen Porno schaut, in welchem sein eigener Vater mitspielt. Das ist noch ein unglücklicher Zufall, spätere Perversionen und Grausamkeiten dagegen folgen einem perfiden Plan, über dessen Sinn oder Unsinn man einige Gedanken verlieren sollte, bevor man sich zu einer Beurteilung des Films entscheidet. Jenes habe ich nun vor, doch vorweg möchte ich sagen: Ich mag diesen Film wirklich und wieso ich es trotz einiger Schwächen tue, will ich nun herausfinden.

   "A Serbian Film" ist einer dieser Filme, die selbst von Menschen, die sie noch gar nicht gesehen haben (und möglicherweise niemals sehen werden) heiß diskutiert, kritisiert, verdammt und verherrlicht werden, lange vor ihrem offiziellen Erscheinen Beleidigungen und Unterstellungen über sich ergehen lassen müssen - und auch einige Vorschusslorbeeren empfangen, ohne jene vollend verdient zu haben. Ich muss selbst zugeben, dass ich mir die Freiheit genommen habe, diesen Film bereits vor einer Sichtung irgendwie gut zu finden. Was ich mir erhoffte, war ein "Martyrs" in richtig gut - was ich bekam, war vielmehr "Martyrs" in besser, aber zugleich auch mehr als nur das.

   Informiert man sich über diesen Film, stellt man schnell fest, dass die Macher damit anscheinend eine politisch-soziale Aussage verfolgten - ein Gewaltdrama als Reflexion der Grausamkeiten, die sich Serben, Kroaten und Bosniaken in Kriegskonflikten angetan haben. Doch um jenes erfassen zu können, muss man wohl für die letzten paar Jahrzehnte in jenen Gebieten gelebt haben oder sich zumindestens sehr gut damit auskennen. Der Film an sich, ohne Kommentare und ohne Hintergrundinformationen, bietet für diese Erklärung keine Anhaltspunkte und so ist es nicht verwunderlich, wenn man als Zuschauer dabei auf gar keine tiefergehenden Gedanken kommt - oder auch auf ganz andere.

 

 

   Denn wie so oft gefällt mir auch hier nicht unbedingt die gewollte Auslegung - ich hatte schließlich einige Mal beim Schauen Gedanken, die in eine völlig andere Richtung gingen und in dem Film ein anderes Loch gruben, in welchem ich nur zu gern versinke.
Und hier komme ich wieder auf den berühmt-berüchtigten "Martyrs" zurück (auch wenn ich so langsam einsehen müsste, dass ich den Film in Ruhe lassen könnte, so viel Aufmerksamkeit hat er eigentlich gar nicht verdient): Dessen Versuch, die dargestellte Gewalt mit einer neuartigen Prämisse zu berechtigen, misslang damals gründlich - zu abgehoben, zu ungreifbar, zu unreif war die dahinter stehende Motivation.
   "A Serbian Movie" setzt dagegen - ob nun freiwillig oder nicht, ist mir in diesem Moment herzlich egal - an einer Stelle an, die das blutige Treiben für mich zu mehr macht als nur zu reinem Selbstzweck. Und ich meine damit nicht den Bezug auf die Kriegsgräuel.

   Die mir so sympathische Prämisse wird dabei viel direkter formuliert und ist unübersehbar ein Teil der Geschichte selbst: Die Gewalt in den Medien.
   Dies ist sicherlich ein oft behandeltes und recht ausgelutschtes Thema, welches mittlerweile wohl besser zum Schaffen vermeintlicher Tiefe in Möchtegern-.Arthouse-Produktionen geeigent ist als zum wirklich ernsthaften Behandeln in künsterlisch wie inhaltlich herausragenden Werken - aber dennoch erreicht es in "A Serbian Film" stellenweise Ebenen, die mich nachhaltig beeindrucken konnten. Ich will an dieser Stelle nicht den Zusammenhang spoilern, in dem die Figur des Regiesseurs (mit dem leicht beunruhigenden Namen Vukmir) "Das ist Film!" spricht - doch jener gehört ab jetzt zu meinen Lieblingsfilmmomenten, auch wenn "A Serbian Film" am Lieblingsfilmstatus doch zu weit vorbeirauscht.
   Die Geschichte, in der es um den Dreh eines seltsamen und höchst realistischen Pornofilms geht, der sich nach und nach in eine böse Gewaltorgie ausweitet, scheint sich selbst zu hinterfragen, wirkt, als würde sie ihre eigene Plakativität auslachen, als würde sie die Sinnlosigkeit der in ihr gezeigten Gewalt augenzwinkernd entlarven.
   "A Serbian Film" ist im Endeffekt ein Film über den Dreh eines Films, den man in "Videodrome" auf dem gleichnamigen Sender zeigen könnte, wenn man der physischen Gewalt noch eine grausame psychische Komponente hinzufügen wollte. Und damit wäre auch der außergewöhnliche Titel gerechtfertigt - denn welche Vorstellung hat man von Serbien, wenn man über das Land an sich nichts weiß? Ich denke da an dreckige Hinterhöfe und viel latente Gewalt und ich bin sicher, dass ich damit nicht der einzige bin.
   Somit könnte (ich betone: könnte!) man den Film als einen subversiven Spiegel des westlichen Umgangs mit den unbekannten östlichen Gegenden betrachten, als eine Kritik an der Sicht auf diese Welt als auf einen Lieferanten von billigem Sex und blutiger Gewaltkonflikte und und und...

   Überinterpretiert? Aber sicher doch, ich habe auch (hoffentlich) nie etwas andere behaupten. Aber wie so oft stelle ich hier meinen subjektiven Eindruck über irgendwelche platten, langweiligen Wahrheiten und betone noch einmal: Ich mag diesen Film. Er ist zu plakativ, er ist zu provokant, er ist zu ekelhaft (auch wenn er um einiges harmloser ist, als es manche behaupten, die Gewaltdarstellung ist bei Weitem nicht so detailreich, wie man es sich im Vorfeld denken könnte, und das ist auch gut so) - aber er trägt eine Stimmung in sich, die mich persönlich zu mehr als nur zu bloßem In-Sich-Aufnehmen motiviert. Und selbst auf dieser Ebene kann mich der Film durchaus überzeugen: Seine wohlkomponierten Bilder, sein beunruhigender, stilsicherer Score, sein Spannungsaufbau und seine konsequenten Tabulosigkeit bilden zusammen einen bemerkenswerten Thriller, eine Art Porn-Neo-Noir, der mit mehreren unvergesslichen Szenen aufwartet. Seine außergewöhnlichste und perversteste Tötungsszene ist dabei zugleich auch der witzigste Moment im ganzen Film, so Over-The-Top, dass man sich dabei fragt, ob es nicht vielleicht doch eine unendlich schwarze Komödie ist, die man da gerade schaut. Und das Ende ließ mir mit einem irgendwo zwischen Schock und Grinsen steckengebliebenem Gesichtsausdruck zurück - egal, welche Parabel das nun schlussendlich war, ihr Ende ist ihr würdig.

 

 

   "A Serbian Film" ist ein ungemütliches, provokantes, verstörendes, brutales und wirklich sehr übertriebenes Stück Independent-Kino, welches sich noch den Hass vieler Menschen einangen wird und seinen Respekt vielerorts mehr aufgrund seiner unmittelbaren, für manche erschlagenden Wirkung und nicht wegen einer tieferen Botschaft erhalten wird. Ihn zu lieben erscheint angesichts seiner Abstößigkeit unmöglich, ihn zu hassen ist viel zu einfach, als dass es sich wirklich lohnen würde. Fraglich ist, ob es eher masochistisch oder eher sadistisch ist, diesen Film zu mögen. Ich muss zugeben, ihn nicht ganz so verstörend gefunden zu haben, wie erwartet - was aber daran lag, dass ich zu gut über die Geschichte informiert war. Dies ist ein Film, den ich den wenigsten Menschen empfehlen würde und selbst in diesen Fällen wäre ich mehr auf der Suche nach neuen Kritikpunkten seitens dieser statt nach weiteren Bestätigungen seiner Qualität, die ich auch selbst jederzeit hinterfragen könnte. Irgendwie weiß ich, dass er nicht wirklich gut ist, aber dennoch habe ich ein Gefühl dafür entwickelt, welches ich für mich als nützlich betrachten würde. "A Serbian Film" hat vieles vor, was er im Endeffekt nicht wirklich erreicht, nicht zuletzt durch seine Darstellungsweise - und doch trägt er damit andere Aspekte in sich, die zumindestens ich in ihm zu sehen vermag.

 

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