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SYNECDOCHE, NEW YORK - Glück und Verzweiflung

"Synecdoche, New York" - Glück und Verzweiflung

 

      

   

   “Du bist soweit. Fang an, zu reden.”

   Was nach der ersten Sichtung zunächst bleibt, ist ein leichtes, zufriedenes Lächeln sowie das Gefühl, sich "Synecdoche, Nw York" in nächster Zeit noch einmal ansehen zu müssen: Zu viele Details, die man bestimmt vergessen hat, zu viele Zusammenhänge, die man nicht gesehen, nicht verstanden hat. Zu viele Fragen ohne Antworten, zu viele Antworten ohne Fragen. Zu komplex – oder nur verkompliziert? Das Lächeln ist noch nicht ganz verschwunden: Augen auf und durch, once again.

   “Du willst es doch nicht nur für dich behalten – auf, teile dich mit.“

   Dann laufen die Credits den Bildschirm und verzweifelte Tränen die Wangen herunter. Und eine Leere, die man nie zuvor auch nur erahnt hat, breitet sich in der Seele aus, frisst alles, was man für wertvoll gehalten hat – nichts bleibt, rein gar nichts. Das Lächeln zerrissen, in der Luft aufgelöst, die Hoffnung gestorben – oder hält sie sich noch röchelnd am Leben? Kann es Hoffnung geben, in diesem Nichts, in diesem Elend, in dieser Verzweiflung? Ja, kann es – doch sie ist nicht leicht zu sehen, noch schwerer zu greifen und nahezu unmöglich zu behalten.

   “Worte tauchen in deinem Kopf auf, lass sie nicht im Nichts verschwinden. Rede von deinen innersten Gefühlen, von deinen Gedanken. Von der Größe des Geringen.”

   "Synecdoche, New York" ist der ungestüme Sturm eines Atemzugs, die zerstörende Welle einer Träne, das Museum des nie ausgesprochenen, weil nie wirklich entdeckten Wunsches. Die Nichtigkeit zur Krise erklären und die echte Krise zum endgültigen Weltuntergang – Bescheidenheit ist in diesem Universum ein Fremdwort, der Fluchtweg der Andeutung verbarrikadiert. Und dennoch, nie wirkt diese Übergröße prätentiös, nie ist sie abstoßend, eingebildet, unehrlich. Denn sie ist von dieser Welt – von unserer Welt. Und wenn ihr Schmerz alle Grenzen überschreitet, dann sind es unsere eigenen Grenzen, die plötzlich nur eine Leere umschließen. Bis der Atem stockt und nur ein einziges Wort durch den Kopf geistert:

   “Sag es.”

   Nein. Nein, nein, nein. Ist das alles? Ist das das Leben, ist das unser so hochgeschätztes, unser ach so wertvolles Leben? Sind wir das, wir, so klein, so nichtig, so – verloren, verlogen, verstört, verdammt? Der Spiegel, der uns reflektiert, bleibt leer, und wir blicken in eine Finsternis, dessen Gähnen uns den letzten Hauch von Sinn nimmt. Denn zwei Augen alleine können nicht auf Augenhöhe mit dem Ende sein. Zwei nicht – vier schon.

   Doch wo sind diese, wo sind sie geblieben?

   “Nicht nur die Augen, auch alles andere. Lass es aus dir raus.”

   Die Augen – nicht nur die Augen, nicht nur diese, nein. Ohne diese auch vieles andere nicht: Die Blicke, die nie erwidert, die Sätze, die stets überhört, das Flüstern, für welches wir zu taub waren. Die Wege, die nie gegangen, die Taten, die nie vollbracht – nie außerhalb unserer Gedanken und selbst dort gescheitert an unseren Ängsten – wovor eigentlich? Die Wärme, so wichtig, doch niemals gefunden, und die Sehnsucht, die nie durch Erfüllung erlöst. Die Entscheidungen, die nie getroffen, das Lachen, das nie über die eigenen Lippen gekommen, das Leid, das nie begriffen wurde. Die Menschen, die so nahe dem Herzen und so fern dem Auge – ihre Wärme auf einem Bettbezug, ihr Duft in der Luft und ihre Stimmen doch nie bis in unsere Ohren vorgedrungen. Die zerreißende Lust, die nie denen geschenkt, die diese zu schätzen wussten, und die wahren Freunde, die nie als solche erkannt wurden. Die Zeit, die so ewig schien und sich im Nachhinein als ein einziger Augenblick herausstellte.

   “Sag ihr, dass du sie liebst.”

   Und die Worte, so wichtig, so unglaublich wichtig und doch nie über die Lippen gekommen – oder dann, wenn es schon zu spät gewesen ist: “Ich liebe dich.” Und nichts anderes, nichts, was je von Belang gewesen wäre, nichts, was sonst auch nur den Hauch einer Erlösung in sich trug. Nichts, kein Monument, mag es so groß sein, dass sein Schatten den Rest der Welt verdeckt. Keine Geschichte, die je die Seelen anderer erreichen wird. Keine Unsterblichkeit, durch nichts. Nur ein langsamer Weg zum Ende, der so lange dunkel bleibt, bis er mit einem anderen verschmilzt. Und wenn man angekommen ist, einen halben Meter vor dem Ziel, merkt man es, erkennt man es, weiß man es, das, was man verlor, bevor man es besaß. Dann öffnet man seinen Mund und sagt: Ich weiß es jetzt! Und sagt: Es ist…

   “Stirb.”

 

 

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