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MULHOLLAND DRIVE - Das Ungreifbare

"Mulholland Drive" - Das Ungreifbare

 

 

   Auf der täglichen Suche nach einem Fünkchen von etwas Besonderem, nach etwas, was der abendlichen Stimmung das erhoffte Hoch verleihen könnte, nach etwas, was den Geist wieder für kurze Zeit aus der Unausweichlichkeit des Materialismus erlöst und in Gebiete dringen lässt, wie sie nur das eigene Bewusstsein schaffen kann, stoßen meine Gedanken auf zwei Worte, die wieder ein ganzes Universum in meinem Kopf entstehen lassen:

   MULHOLLAND DRIVE

 

 

   Und als würde ich wieder in die Vergangenheit reisen, erinnere ich mich ganz deutlich, wie ich vor ungefähr zwei Jahren eines abends auf dem Sofa im Wohnzimmer Platz nahm, um diesen schon lange herbeigesehnten Film im Fernsehen zu schauen.
   Wenige Minuten vor dem großen Ereignis vergaß ich alles, was ich mit bisher gesehenen Lynch-Filmen an negativen Emotionen verband (plötzliche Müdigkeitsanfälle, reines Unverstehen des dargebotenen Wahnsinn und das Gefühl am Ende, richtig übel verarscht worden zu sein) und dachte nur noch an diese ungreifbare Nachwirkung, die ich noch Monate nach der Sichtung dieser Werke in mir trug.
   Während ich nun Platz nahm, wuchs meine Vorfreude ins Unermessliche, der Atem stockte - ich bin bereit für eine Reise ins Ungewisse, ich bin bereit, einzutauchen, ich bin bereit...
   Dann begann es und ich schwebte in Glückseligkeit ob der wunderbar düsteren Stimmung und der unheilvollen Geschichte, der vielversprechenden Dunkelheit und der kleinen und hinterhältigen Details, die noch nirgends zuzuordnen waren - wahnwitzige Autofahrer, ein altes und diabolisch lächelndes Pärchen und finstere Gestalten an Telefonen, unverständliche, aber mit Sicherheit fatalische Anweisungen in diese röchelnd, weisten mir den Weg in den Film und ich ahnte nicht, dass es der Weg in die Hölle war.
   Und schon bald tänzelte der Film um Ecken, die aus dem Blickfeld verschwanden, bevor ich sie überhaupt wahrnehmen konnte, ganze Szenen wurden mir dargeboten, ohne dass ich einen Zusammenhang zum bisher Gesehenen herstellen konnte, und meine naiv-erfreute Stimmung vom Beginn wandelte sich in ein riesiges Fragezeichen mit Widerhacken, welches sich langsam, aber sicher in meinen Magen bohrte.
   Während ich, vom meiner eigenen Ahnungslosigkeit niedergemacht, versuchte, Fassung zu wahren, wurde ich urplötzlich Zeuge von etwas, was mich vor Schreck eigentlich mehrere Meter nach hinten werfen müsste, wäre dort nicht das rettende Sofa gewesen, und nun gesellte sich zu meinem mental völlig gemarterten Zustand ein Massensterben meiner armseligen Nervenzellen - ein Zupfen an einer unerklärten Urangst und keine Zeit, um darüber nachzudenken, es folgen weitere Sequenzen ohne Sinn, ohne Zusammenhang.
  So langsam entzog sich das gesamte Geschehen meiner Wahrnehmungsgabe, bis ich losließ von jeglichen Verständnismöglichkeiten und davonschwebte in die seltsame Welt von "Mulholland Drive" - der Boden unter meinen Füßen war vollends weggezogen.
   Zumindestens dachte ich das, bis ein Bruch stattfand, welcher jede noch so kleine Hofffnung auf eine Auflösung mit einer Grausamkeit zerschlug, die ich zuvor nicht für möglich gehalten hätte.
   Einer völlig anderen Welt entgegentretend, verfluchte ich David Lynch für alles, was er mir angetan hatte, und nahm die letzten Schläge in mein Bewusstsein stoisch hin, bis alls zu Ende war und ich mit einem verzogenen Mundwinkel zurückblieb, wieder mit dem bekannten Gefühl, stundenlang verarscht worden zu sein.

 

 

   Ich verzog mich auf mein Zimmer und tat, von einer urplötzlich wiederauferstandenen Hoffnung getrieben, etwas, was ich noch nie zuvor nach einem Film getan hatte:
   Ich nahm Zettel und Stift in die Hand und notierte aus dem Gedächtnis heraus alle Geschehnisse, die ich mir behalten hatte, und schaute diese anschließend minutenlang an, ohne wirklich voranzukommen. Mich an ein kleines Detail erinnernd, schrieb ich am Rand einen Einfall nieder, mit einem dicken Fragezeichen versehen, und legte mich schlafen.
   Am Tag danach begab ich mich so schnell ich konnte in die Tiefen des Internets, um nach Antworten zu suchen - und da merkte ich schnell, dass ich auf eine völlig andere Art hintergangen worden bin, als ich es letzte Nacht empfand.
   Die wahrscheinliche Lösung wurde mir nämlich vom Film selbst klar und deutlich mitgeteilt - doch in meinem Rausch überhörte ich die einfachen und so erhellenden Worte.
   Und das Wegziehen des Bodens unter meinen Füßen war in der Tat gar keins - der Film reichte mir eine Krücke, doch ich tat damit nichts anderes, als mir selbst auf den Schädel zu schlagen, in der Gewissheit, für immer und ewig verloren zu sein.
   Selbst meine Notiz fügte sich ins Geschehen, wenn auch mehr schlecht als recht, und ich schämte mich ehrlich dafür, diesem Gedanken nicht weiter nachgegangen zu sein - die Lösung war so nahe und ich war zu faul, um die letzten Schritte zu gehen.
   Alles klar. Herrlich. Beinahe perfekt. Danke, Mister Lynch.

 

 

   Und Monate später begegnete ich einem Kommentar, in welchem auf irgendeine "Determinismus-Interpretation" verwiesen wurde, und folgte dem Link, nur um dabei geistig auf Ebenen geworfen zu werden, die mich in die höchsten Höhen trieben und zugleich ganz tief in die Hölle warfen - unmöglich, unerfassbar, unglaublich. Alles passt - und das nicht nur auf den Film bezogen. In meinem Bewusstsein wurden verborgene Türen geöffnet und eine Unendlichkeit wehte hinein, dass ich kurz Angst vor mir selbst bekam.
   "Mulholland Drive" lachte hämisch weiter und ich merkte ein weiteres Mal, dass diesem Film nicht über den Weg zu trauen ist - und dass die Bezeichnung "Film" für manche Werke wohl zu erbärmlich, zu kleinkariert ist.
   Keine Eingebung, kein Lebensgefühl - und selbst "Universum" trifft es trotz seinem Größenwahnsinn nicht wirklich.
   Metaphern, wie ein Samen, aus dem eigene Gedanken zu wachsen vermögen, oder eine gähnende Leere, in die man alles hineindenkt kann, wären ebenso beschränkt in ihrer Aussage und damit auch unbrauchbar.
   Vergleiche kann es keine geben - höchstens mit den anderen Teilen dieser perversen Trilogie der Bewusstseinsvergewaltigung, "Lost Highway" sowie "Inland Empire".
   Sondern etwas, worüber man schweigen muss, will man es nicht mit irgendwelchen Konventionen beflecken.
   Oder auch reden, beziehungsweise schreiben - und zwar das, was ungehemmt aus einem entflieht.

 

 

   Wenn ich heute wieder an "Mulholland Drive" denke, wundere ich mich darüber, dass ich ihn immer noch nicht ein zweites Mal geschaut habe.
   Und dann überlege ich weiter und merke, dass ich das eigentlich gar nicht brauche, um wieder das zu spüren, was ich damit verbinde: Diese ewige, verzweifelte und hoffnungslose Flucht, dieses unterbewusste Spiel mit den geliebten Prämissen in der Wahrnehmung der Welt, diese Unausweichlichkeit, diese Fatalität - und, von diesem gänsehautgebärenden Determinismus ausgehend, dieses unerklärbare Gefühl, sich mittendrin in einer perfekt durchkomponierten, gemeinen und großartigen Tragikomödie zu befinden, die zwischen Schicksal und Spontanität schwankt und die besten Pointen dieser Welt zu bieten hat. Nein, ich meine damit nicht irgendeinen Film.
   Dann weiß ich, dass Genialität ungreifbar und Angst unnötig ist - und das Träume das Großartigste sind, zu dem wir fähig sind.
   Dann weiß ich, dass wir irgendwo zwischen der Straße zu unseren Wünschen und dem in Ewigkeit verlorenen Weg der Flucht unser eigenes inneres Imperium aufbauen und vernichten, genießen und verachten, lieben und hassen, leben und wieder leben.
   Und dass lange nachdem ich zu Boden gegangen bin die Komposition meines Daseins im düsteren Saal des "Club Silencio" erschallt - für immer und ewig, wer auch immer ihr zu lauschen vermag.

 

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