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INLAND EMPIRE - Ein Erfahrungsbericht..

"Inland Empire" - Ein Erfahrungsbericht...

 


             

    Die Vorgeschichte.

    Auch wenn dies wohl der umstrittenste Film von David Lynch ist, meine Vorfreude war in ihrer Größe nicht mit Worten zu beschreiben. Jeder Lob bestärkte mich selbstverständlich in meiner Meinung, jede Hasstirade entfachte ebenso die Lust darauf, sich eine eigene Meinung darüber zu bilden. Die Vorfreude war, wie bei Lynch üblich, auch recht masochistischer Art. Ich erinnere mich daran, wie ich "Mulholland Drive" geschaut habe, am Anfang total gespannt und fasziniert, zum Ende hin nur noch verwirrt, bis ich dann nach dem Schluss auf meinem Sofa saß und nur noch dachte "Hä?" Gut, anschließend ließ sich der Film recht gut verstehen (ich muss sagen, dass er im Grunde genommen eine recht einfache Geschichte erzählt und mit etwas Mühe auch ohne fremde Hilfe zum größten Teil zu erfassen ist - recht einfach im Vergleich zu "Lost Highway", versteht sich). Aber dieses Gefühl, am Ende so eines Films, wenn man sich nur noch absolut verarscht vorkommt, das ist immer da. Ich wusste noch vor dem Genuss dieses Filmes, wie ich mich beim Schauen fühlen würde: Hilflos, ahnungslos, alleine gelassen, irritiert, verstört, die ganze volle Packung an Komplexen (Aaaah, ich verstehe hier nichts mehr, ich bin dumm) usw. Aber etwas zieht mich doch immer zu diesem Erlebnis. Schade, dass ich bereits "Lost Highway", "Mulholland Drive" und jetzt eben auch "Inland Empire" geschaut habe, waren wohl bisher die echten "Rätselfilme" von dem guten alten Lynch. Eine Art Abschlusserlebnis also, dieser Film.
Gesendet zu einer Uhrzeit, wo ich eigentlich tief und fest schlafe, aber zum Glück gibt es ja Aufnahmemöglichkeiten. Ironie: Ich schaue also diesen Film zum ersten Mal nach einem anstrengendem Tag (u.a. Besuch von Buchenwald, davor auch ca. 4-5 Stunden Schlaf) zu einer Zeit, wo eben dieser gerade zu Ende geht. Als ich den Film zu schauen angefangen habe, würde ich normalerweise schlafen gehen. Aber etwas Masochismus muss eben sein. Die Stimmung kam mir einfach perfekt für so etwas vor. Ich könnte sagen, meine vermutung war gar nicht so übel. Der wunderbarste Quälgenuss, der nur möglich ist. Also dann:

    "Inland Empire", zum Ersten.

    Der Anfang wunderbar surreal und verwoben. Juhuu, ein Film von David Lynch, ich freue mich. Dann der Hauch von einer halbwegs nachvollziehbaren Story, gefüllt mit skurillen Figuren, aber dennoch, der Schein sagt: Halbwegs linear. Hier und da schöne Film-in-Film-Aha-Effekte (da freut sich das Zuschauerherz, besonders wenn man diese eigentlich schon vor dem Auftreten erahnt). Aber leider (oder doch eher zum Glück?) bleiben diese später beinahe komplett aus. Was man auch sehr spät merkt, selbst wenn man´s eigentlich davor schon weiß. Nun ja, nach einiger Zeit (ich habe es ja auch erwartet) verstehe ich gar nichts mehr. Aber genieße die Bilder und so, auch der Soundtrack ist teilweise hervorragend (habe ich gar nicht erwartet, außnahmsweise mal). Gegen Ende kommt noch die fieseste Sequenz, die ich je in einem Film gesehen habe, mitten in der Nacht bekomme ich Angst wie schon sehr lange nicht mehr bei einem Film und stecke in der typischen Klemme "So extrem/böse/gruselig/etc., dass man trotzdem zuschaut". Wo die beiden anderen erwähnten Filme mich noch mit kleinen Schockeffekten zusammenzucken ließen, muss ich hier das absolute Grauen (haltet mich für eine Memme, wenn ihr wollt, aber hiergegen ist alles andere, sogar "Ichi" Friede-Freude-Eierkuchen) gar mehrere Sekunden aushalten (zehn oder so, aber diese kommen mir vor wie eine Ewigkeit). Aua, aua, aua. Ich bin komplett verstört, verwirrt, verängstigt, gut, das geht wieder weg nach einer Minute, aber der Rest bleibt. Am Ende sitze ich da, wie zuvor erwartet: Komplett down, aber glücklich, da ich mir ja alles freiwillig angetan habe. Und das "Ganz-Ende" zaubert mir sogar ein Lächeln ins Gesicht. Wahrscheinlich mehr Hysterie als echte Freude, aber dennoch schön. Habe ich schon erwähnt, dass ich zwischendurch aus Müdigkeit mehrmals fast eingeschlafen bin (passiert mir immer bei Lynch-Filmen, obwohl ich diese liebe)? Aber wieso schlafen und träumen, wenn man einen (Alp-)Traum auch mit offenen Augen erleben kann? Egal, was mein Körper mir sagt, oder was meine Vernunft mir einflüstert ("Schaue den Film nicht zu Ende, du verstehst jetzt schon nichts und nachhher wird´s nur noch schlimmer!" -Masochismusmodus an und fröhlich ignorieren, auch wenn die Vernunft hier mal recht hat), ich MUSS diesen Film JETZT zu Ende schauen. Gut, dass ich´s überlebt habe (fünfzig Jahre älter und es wäre garantiert ein Herzinfarkt gewesen). Schlafen gehen und gut ist.

 


    
Die Zeit danach, zum Ersten.

     Am nächsten Morgen will ich mich erstmal umbringen, weil ich keine Notizen gemacht habe beim Schauen oder danach, habe nämlich zu viel vergessen. Da war am Ende was, das habe ich davor mal gehört, aber keine Ahnung, wo und wann und von wem und in welchem Zusammenhang - verdammt! ich könnte mich schlagen. Gut, ich habe den Film ja hier, kann den nochmal schauen demnächst. Oder Internet, da gibt´s Interpretationen und so. Aber: Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Film erstmal selbst nach Möglichkeit verstehen zu versuchen, bevor ich IRGENDWAS darüber sonstwo lese. Hier halte ich auch mein Wort. Boah, was ein Trip. Ich überlege, welche Wertung das sein könnte. Könnte irgendwie alles sein. Mein Wunsch ist es, 10/10 zu geben. Mal sehen, wie er mir beim zweiten Mal gefällt, wann auch immer das sein wird.
     Fernsehprogramm sagt: "Spider-Man 3" im Free-TV! Juhu, wollte ich schon seit langem Schauen. Plötzlich meldet sich irgendwas aus mir (irgendwas Wichtiges, aber Undefinierbares) und sagt: Ne, lass ma nochmal das kranke Teil da gucken! Hast die ganze Woche gleich eh keine Zeit (Klausuren, Theater, Gebursttage und Essen und Schlafen schadet auch nicht ab und zu) und länger hälst du´s eh net durch, einen geschauten Film nicht bewerten zu können! Recht hat dieses undefinierbare Etwas, war schon bei "There Will Be Blood" so und da hat´s nur länger gedauert, weil mein Laptop wegen zu vielen Viren in Reparatur war (ja, lacht mich ruhig aus, irgendwas um die 730 Infektionen haben die gefunden, eine ganze Kolonie, haben bei einem Festschmaus wohl meinen Task-Manager verspeist, die Drecksviecher, und Fraps mit dazu. Muss mal demnächst Windows neu installieren, vergesse ich nur immer. Egal, ich weiche ab, tut mir leid.). Aber das hier, das ist größer als "There Will Be Blood", um einiges sogar. Ich habe mir den Film davor schon hochstilisiert bis zum gehtnichtmehr, hätte ihn auch ohne Schauen als Lieblingsfilm bezeichnet, jetzt stelle ich mir vor, die geil ich den wohl beim zweiten Schauen finden werde. Also dann, keine 24 Stunden nach dem ersten Genuss begebe ich mich wieder auf die Reise ins "Inland Empire".

    
"Inland Empire", zum Zweiten.

     Mit Papier und Stift bewaffnet (irgendwie habe ich mehr auf die Zettel als auf den Bildschirm selbst geschaut, so im Endefekt, aber egal) wage ich einen weiteren Versuch. Und wer hätte das gedacht: Bei all der Irritation genieße ich so ziemlich den ganzen Film, jede Einstellung, jeden Satz (der, falls er mir denn wichtig erscheint, sofort auf dem Blatt landet), jedes Musikstück (was ein Soundtrack, einfach nur göttlich), einfach alles. Nicht die Spur von Langeweile, stattdessen permanente Faszination, Suche nach Symbolen und Zusammenhängen. Diese Augenblicke, wenn man das Gefühl hat, einen Zusammenhang zu erkennen, den man sofort notiert, ist unbeschreiblich - im positiven Sinne. Die Augenblicke, in denen man Theorien aufstellt, die den vorherigen widersprechen, sind ebenso unbeschreiblich - eher im negativen Sinne. Aber für die Augenblicke, in denen sich der Film selbst widerspricht (oder scheint es nur so?), für die gibt es keine Definition oder Beschreibung. Mein Ego freut sich, fühlt sich richtig cool beim Schauen ("Ey, ich guck hier grade voll den Mega-Hyper-Psycho-Drama-Thriller-Mystery-Mindfuck-Arthouse-Sonstwas-Kram und finde es auch noch gut - ich bin genial!"). Sehr, sehr aufbauend. Die Schockszene trifft noch ein Stückchen härter, da ich sie jetzt kenne und in einer quälend langen Sequenz erwarte, obwohl ich sie gar nicht sehen will und irgendwie auch doch - ANGST. Hitchcock-Suspense selbsterzeugt, tolle Sache. Das Ende ist übrigens Magie pur und zaubert mir diesmal ein Lächeln auf die Lippen. Am Ende bleibe ich mit vier komplett in unleserlicher Schrift bekritzelten DIN A4-Seiten und dem Gefühl einer so nur selten dagewesenen Erfüllung. Irgendwie fühle ich mich richtig gut.

 



    
Die Zeit danach, zum Zweiten.

     Am nächsten Tag (bin tatsächlich vor Mitternacht fertiggeworden den Tag zuvor) zeige ich meine Notizen meinen Schulkameraden. "Hast du sonst keine Hobbies?!" Kulturbanausen, elende, naja, wer beim Theaterbesuch einschläft (waren doch nur fast vier Stunden in fast immer gleicher Kulisse! Schnarch...), kann doch keine Lynch-Faszination erfassen. Nach einem anstrengendem Tag werfe ich einen Blick auf die bekritzelten Blätter. Das muss doch irgendwie einen Sinn ergeben, das Ganze. Ich stelle einige Theorien auf, doch keine von denen kann alle Geschehnisse erklären. Eine davon ist alleine in ihrer Formulierung so komplex und irrational, dass mein Telefongesprächspartner beim Erwähnen dieser schnell das Thema wechselt. Gut, "Spider-Man 3" war wohl doch nicht so gut wie erwartet. Irgendwie schwirrt so eine Zahl bei mir im Kopf herum. Zehn. Ich habe solch eine Lust, den Film als einen meiner Lieblingsfilme zu bezeichnen. Ich denke "Inland Empire" und lächle. Wundervoller Film, ein unvergessliches Erlebnis. Ich weigere mich nach wie vor, sich irgendwelche Interpretationen aus dem Internet anzuschauen, erfolgreich sogar, obwohl die Verlockung groß ist. Und in diesem Augenblick kommt:

    
Die Erkenntnis.

    Es ist keine Geschichte, die man wirklich verstehen kann. Es ist nicht ein Puzzle. Es ist, als würde man mehrere völlig verschiedene Puzzles nehmen, von denen jeweils zwei Drittel der Teile wegnehmen und den Rest zusammenmischen zu einem dreistündigen Alptraum. Man sucht nach Zusammenhängen, ganz verzweifelt, man will alles zu einem Gesamtbild zusammensetzen, aber das scheint nicht möglich. Nur hier und da lassen sich einige Teile zusammenfügen, manchmal passen sogar welche aus verschiedenen Ursprüngen zueinander, aber niemals lassen sich alle in einem Bild unterbringen. Hätte ich so etwas vom Spielzeughändler meines Vertrauens erhalten, er wäre dieses Vertrauen los, möglicherweise auch das ein oder andere Körperteil, je nach der sinnlos verschwendeten Zeit. Und eigentlich ist David Lynch einer der Regisseure meines Vertrauens. Und dieser hat mich soeben ja eigentlich ziemlich reingelegt, oder?         Oder?


     Ganz ehrlich: Ich habe ja nichts anderes erwartet. Das war doch das, was ich wollte. Dieses Gefühl, dieses Erlebnis, diese Faszination. Wofür denn ein Sinn? Wofür denn eine Auflösung? Lebe ich denn nur, um am Ende die Lösung auf alle aufgekommen Fragen zu erhalten und will ich diese Lösungen überhaupt? Oder lebe ich einfach nur, genieße den Augenblick und die Erinnerung? Überlege mir selbst Erklärungen, die nie stimmen werden, weil ich die echten niemals erfassen könnte? Die Suche nach einem Sinn, ha. Ich kann darüber wunderbar lachen. Und ich kann auch über mich selbst lachen, in diesem Falle. Über meine Ahnungslosigkeit, über meine Naivität. Über die Essenz meines Wesens.
"Inland Empire" Zwei Wörter, die mich nun jedes Mal zum Lächeln bringen. Einfach so. Es geht nicht darum, dass etwas Greifbares hinter all dem steckt. Es geht nicht darum, die einzige und absolute Lösung zu finden, nicht darum, alle Fragen zu beantworten. Was Lynch hier dem Zuschauer vorsetzt, ist keine Story, keine Parabel, keine Metapher. Wenn ein "normaler" Film so etwas wie ein Bewusstsein besitzt, ein rationales, nachvollzieh- und erklärbares Bewusstsein, so ist "Inland Empire" eine Art Unterbewusstsein, oder "Überbewusstsein", das trifft es wohl noch eher. Es ist nicht etwas, was mal so geschehen ist, oder so geschehen könnte. Es ist etwas, was sich so in Gedanken, in Träumen und Visionen abgespielt haben könnte. Es ist etwas, was ein fruchtbarer Boden für eigene Gedanken sein kann, es kann eine Inspiration sein, ein neuartiges Gefühl. Es ist etwas, was ich nie vergessen werde, es ist etwas, was ich immer und immer erleben will, einfach nur so. Ich denke an diesen Film und ich denke an mehr als nur an einen Film. Ich denke an meine eigene, persönliche, absolut subjektive Empfindung dieses Films. Wenn ich etwas über diesen Film sage, dann enthalten meine Sätze fast immer ein "ich". Es ist die Essenz der Subjektivität, ganz einfach. Und mein subjektiver Eindruck lautet in diesem Falle: Göttlich, göttlich, göttlich.

 

    Das Fazit.

    Mal angenommen (und diese Annahme erscheint auch mir gar nicht so abwegig), David Lynch hat ohne jeglichen Sinn dahinter diesen Film gemacht, ein Kaleidoskop an schon in sich nicht immer schlüssigen Sequenzen, die zusammen noch weniger schlüssig sind. Und jetzt lacht er über alle, die versuchen, diesem Werk etwas abzugewinnen. Alles nur ganz ganz großes Pseudo, eine Abrechung mit verständnissüchtigen Zuschauern, eine bittere Satire auf den Film selbst, abgrundtief böse, eine Zumutung für alle Zuschauer. Wenn ich nun auch ganz böse bin, schreibe ich noch paar hundert Worte, zerreiße den Film und haue ihm null Punkte um die Ohren. Kann ich auch machen, das ist mein gutes Recht, viele andere haben´s auch getan. Dann habe ich´s Lynch gezeigt: "Hier, siehst du, ich falle nicht auf deinen billigen Schwindel rein, du Heuchler, du! Ich bin nämlich schlau und lasse mich nicht von dir austricksen, vor deinen pseudophilosophischen Verwirrungen und deinen übertriebenen Stilmitteln und diesem ganzen unerträglich aufgesetztem Arthouse-Getue!" Ich kann mit reinem Gewissen diesen Film einfach nur hassen.
     Aber das werde ich nicht tun. Niemals, sage ich jetzt einfach mal. Denn wisst ihr was? Es ist mir völlig egal, was in Wirklichkeit dahinter steckt. Ich stelle meinen Egoismuslevel aus Maximum und ernenne meine eigene persönliche und subjektive Meinung zu der für mich selbst einzig gültigen, zu dem Nonplusultra des Verständnisses von jeder Sache auf dieser Welt. Alles ist nicht so, wie es ist, sondern wie ich es auffasse. Ganz einfach. Selbsttäuschung? Illusion? Ich berufe mich auf die höchste existente Philosophie und sage: Alles ist eine Illusion, eine Selbsttäuschung. Und gegen etwas alles Umfließendes, alles Bestimmendes kann ich mich nicht stellen, will ich mich auch gar nicht stellen. Ihr merkt schon, ich trickse mir alles zurecht. Oder ist es doch alles absolute Ehrlichkeit, auch meine Liebe zu diesem Film? Wisst ihr was: Ich weiß es nicht. Ich verstehe es auch gar nicht. Das einzige, was ich jetzt noch sagen kann, ist: Außergewöhnliche Filme verdienen außergewöhnliche Kommentare, im Positiven wie im Negativen.

    Und selbst an dieser Stelle lüge ich. Ich will noch etwas sagen, etwas herausschreien aus den Tiefen meiner Seele: Inmitten der größten Finsternis auf der ganzen großen Welt stehe ich, schwebe ich, keine Ahnung, ganz egal, verloren in der Unendlichkeit, die sich auf einen Punkt konzentriert, erfüllt von allem und gleichzeitig von nichts, nichts-existent und unsterblich zugleich und nicht ein eiziger Gedanke hält sich in meinem Bewusstsein auf, nicht eine einzige Überlegung trübt die perfekte Reinheit meines Geistes. Und aus all diesem geordneten Chaos, aus all dieser verwirrten Struktur heraus manifestiert sich etwas, winzig klein und doch unendlich groß: Die Worte "Inland Empire" und mein böses Lächeln.

 

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