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Filmkurzkritiken - D

 

 

Dancer In The Dark

 

Emotionale Manipulation auf die grausame Spitze getrieben. Nach einem der ungreifbar schönsten Intros der Filmgeschichte, bei welchem man ein undefiniertes, aber spürbar positives Gefühl visuell erfährt, wird man nach und nach mitten in den Schmerz, die Verzweiflung und die Hilflosigkeit des menschlichen Randdaseins gezogen, bis am Ende nichts bleibt außer einer unendlichen Wut im Bauch im Bauch und zusammengeballten Fäusten. Durch den Dogma-Stil zum Greifen realistisch, durch die Musical-Einlagen schmerzhaft optimistisch und durch die grandiosen Schauspieler psychisch eine Gratwanderung ist "Dancer In The Dark" das womöglich emotional stärkste Werk von Lars von Trier, ein filmischer Schlag ins Gesicht, nach welchem man sich so schnell nicht erholt. Einschalten, hingeben, Nahtoderfahrung überstehen und dem hinterhältigen Dänen einen bösen, aber respektvollen Blick zuwerfen.

 

9/10

 


 

Dead Man

 

  Johnny Depp auf einer ungewiss scheinenden Reise ins eigentlich Gewisse, begleitet von purer musikalischen Melancholie (Neil Yong ftw) und einem poesieliebenden und herumphilosophierenden Indianer, verfolgt von skurillen Gangstern und eine Welt durchstreifend, die selbst im Sterben zu liegen scheint. "Dead Man" ist eine Meditation im Westerngewand, dessen Gewaltausbrüche gerade durch ihre Seltenheit eine unerwartete Wucht erhalten - die meiste Zeit über ist er jedoch ein ruhig, schwer greifbarer Trip zwischen Leben und Tod, Natur und Industrie, Passivität und Ausbruch. Ein äußerlich hochästhetisches und innendrin poetisches Filmkunstwerk, auf dessen (manchmal zu) langsame Erzählweise man sich zwar einlassen muss, welches den aufgeschlossenen Zuschauer dafür mit einer betörenden Atmosphäre und einer tiefen und unvergesslichen Melancholie belohnt. Wahrscheinlich Jim Jarmushs bester Film.

 

8.5/10

 


 

Death Proof

 

  Tarantinos Sommerfilm, in welchem er den Zuschauer mit verkratzter Optik und endlos scheinenden Dialogen (beziehungsweise: endlos scheinendem Geschwätz) quält, um bis zum Schluss völlig aussage- und belanglos zu bleiben. Hört sich blöd an, ist in der Tat nicht besonders intelligent, aber mit viel Herz und viel Charme umgesetzt - von den lebendigen Figuren über die - gerade in scheinbar vollends von GCI infizierten Zeiten - sympathische Old-School-Verfolgungsjagd bis hin zu den Stellen, in welchen man doch eindeutig merkt, dass hier ein Tarantino mit Stift und Papier am Werk war: Da entscheidet schonmal ein zum Niederknien cooler Monolog über Erfolg oder Misserfolg und als Belohnung gibt es einen unvergesslichen Lapdance zum Anschauen-Zurückspulen-Anschauen in Dauerschleife. Dass der Soundtrack grandios ist und gute Laune macht, ohne dass man sich für ihn schämen müsste, ist selbstverständlich und beweist den Film ebenso als einen chilligen, unkomplizierten und irgendwie knuffigen leicht-böse-grinsende-gute-Laune-Film.

 

8/10

 


 

Desperado

 

Antonio Banderas schießt, nein, ballert sich durch eine rein auf das Abfeiern abgedrehter Ideen (Maschinengewehr-Gitarrenkoffer usw.) ausgelegte Story, für die Fun > Physik gilt. Dass die postpubertäre Stimmung dabei nicht peinlich wird, ist nicht zuletzt den tollen Nebenfiguren zu verdanken: Steve Buscemi als Legendenmacher zu Beginn, Quentin Tarantino mit einem der bescheuert geilsten FIlmwitze aller Zeiten und Danny Trejo als Definition von "grimmiger Mann mit scharfen Messern". Die entfesselten Shooutouts, welche moderne Over-The-Top-Action mit staubigem Western-Charme vermengen, tun ihr Übriges, um das Tempo hoch zu halten und dem Zuschauer einen abwechslungsreichen Actionspaßfilm zu präsentieren, welcher zum Ende hin nicht mehr die mitreißende Energie vom Anfang aufbringen kann, letzten Endes aber als Zwischendurchkost überzeugt.

 

7/10

 


 

District 9

 

  Zu hastig abgearbeiteter Mockumentary-Paart, zu schnelle Metamorphose, die auf psychologischer Ebene bei weitem nicht an das große Vorbild "Die Fliege" herankommt, und am Ende mehr Blockbuster als hintersinniges Sci-Fi-Werk - einige Mängel sind nicht von der Hand zu weisen, trotzdem ist "District 9" ein verdammt guter Film, aus dem einfachen Grund, dass er anders ist. Die staubigen Umgebungen sind für das Genre ungemein erfrischend, die Effekte fügen sich wie nebenbei in die Szenerien ein und wirken dadurch tatsächlich realistisch und der ausschnitthafte Erzählcharakter lässt den Film länger im Gedächtnis verweilen als gewöhnliche Sci-Fi-Epen. Die verspielten Alienwaffen erreichen dabei videospielartigen Größenwahnsinn und lassen die Action zum fetzigen und blutigen Genuss werden - der Showdown ist pures entfesseltes Chaos, so intensiv, dass man den pathetischen Unterton gerne vergisst. Ein ambitioniertes, ungewöhnliches und wuchtiges Werk mit einem tollen und perfekt pointierten Schluss.

 

8/10

 


 

Dogtooth

 

Letzten Endes ein durchaus fasznierendes, mit etwas Abstand aber wenig nachhaltiges Stück Arthouse-Unterhaltung, inklusive Killerkatzen, ritueller Home-Musical-Einlagen, seltenem, aber einzigartigem Humor ("Wenn die Muschi ausgeht, versinkt der Raum in Dunkelheit" ist Gold wert), kunstvoll-alltäglichen Kameraeinstellungen und - inhaltlich wohl am besten - Oralsex-Belohnung-Konditionierung. Ansonsten verlässt sich der Regisseur doch zu sehr darauf, dass die Nebenbei-Provokation die Gehirnsynapsen auf Hochtouren bringt - klappt aber leider nicht bei allen. Dennoch, als optisch glänzendes Skandalfilmchen mit passend roboterhaften Schauspielerleistungen unterhaltsam.

 

6/10

 


 

Dogville

 

Die Welt als karge Bühne ohne Wände, hinter denen man sich verstecken könnte, die Menschheit als Lasterträger. Moral als Wort, niemals als Tat - Liebe als nichts-Böses-tun, niemals als Beschützen. Lars von Triers Menschenzoo ohne Streicheleinheiten ist eine zynische Abrechnung mit der Gesellschaft, ein Seziertisch ohne Abfalleimer. Die Geschichte, wie Grace (die Gnade) nach Dogville (die Stadt der Hunde) kam, ist die Geschichte vom Scheitern der Güte an der Angst, der Gier und der Herrschaftssucht und zugleich eine bitterböseGeschichte der Menschheit selbst, welche in einem zynischen und  - wie von Trier gewohnt - höchst manipulativen Finale Katharsis und Eskalation vereint und sich für immer ins Gedächtnis einbrennt. Minimalistische Filmkunst mit maximaler Wirkung und ganz großes satirisches Kino mit einem großartigen Schauspielensemble, angeführt von der eine krasse Entwicklung durchmachenden Nicole Kidman.

 

9/10

 


 

Domino

 

Das Problem bei diesem ultrahippen Musikvideo-auf-Droge-Stil ist weniger die Verworrenheit, die er auslöst (ganz im Gegenteil, einige Sequenzen glänzen mit einer beinahe instinktiven Fokussierung und Zurückspulen sieht man nicht oft so gestylt wie hier), sondern vielmehr die unglaubliche Kurzlebigkeit der durch diesen erzeugten Bilder. Visuell bleibt einem nicht mehr im Gedächtnis als die Erinnerung an ein wahnwitziges Tempo (welches oftmals wie eine Retuschierung der zu weiten Strecken überraschend actionlosen Story wirkt) und damit hat der Film auf lange Sicht verloren, denn die Figuren sind trotz des realen Hintergrundes nicht mehr als Klischees (wenn auch makellos stilisierte) und die Geschichte selbst schafft zwar einige Pointierungen zwischendurch, versäumt es jedoch, auch am Ende eine hinzuzufügen. Was bleibt, ist ein durchaus vergnüglicher visueller Over-The-Top-Trip, der jedoch nicht die geringste Nachwirkung bietet, durch seine stilistische Abgehobenheit als Biographie versagt und als actionreichstes Element den Schnitt statt Schießereien präsentiert.

 

4.5/10

 


 

Donnie Darko

 

Von nervigen Geschwistern und beschränkten Lehrern, von Geheimnissen alter und seltsamer Menschen, von Superheldenfantasien auf der Mindfuck-Ebene, vom Gefühl des Anders-Seins, von simpelsten pubertären Lüsten, von Einsamkeit, von verlogenen Heilsbringern, von sinnlosen Konventionen, von schmerzhaft begrenzten Weltanschauungen, von nächtlichen Fluchten aus dem Greifbaren, von der wahren Liebe, vom Beschützen dieser Liebe, von sexualisierter Betrachtung von Kindersendungen, von prädestinierter und erfüllender Zerstörung, von paradoxerweise erfolgreicher Flirtunfähigkeit, vom richtigen Kontext für das erste Mal, vom Verbrennen der scheinheiligen Fassade, von fremden Welten in Kinosälen, von Unheil verkündenden Riesenhasen, von der verzweifelten Flucht vor dem Geschehenen, vom Traum von Zeitreisen, von wissendem und dadurch wahnsinnigem Lachen, vom allmächtigen und befreiten Lebensgefühl, von purem Weltschmerz und reinem Lebensgenuss, von Zeitgeist-Zelebrierung und existenziellem Eskapismus, von nach außen gekehrtem Unterbewusstsein, von unmöglich verknüpften Parallelwelten, von entfesselten und hilflosen "FUUUUUUUUUUUUUUUUUCK!!!"-Schreien, vom Vergessen im Kopf und Erinnern im Geist, vom Rausch der Nacht und vom Rausch der Gedanken.

 

9.5/10

 


 

Down By Law

 

  Ruhig, unscheinbar und doch keinesfalls kühl, sondern in seiner Schlichtheit berührend. Roberto Benigni nervt keineswegs, sondern ist auf seine verquerte Art sehr sympathisch, doch auch die beiden anderen können überzeugen. Wie gewohnt versucht Jarmusch nicht etwa, irgendwelche Aussagen zu tätigen, sondern zeigt einfach nur außergewöhnliche Charaktere in skurrilen Situationen, wie gewohnt melanchlisch, wie gewohnt mit einem Augenzwinkern. Letztendlich dann doch etwas zu belanglos, um mit seinen besseren Werken mithalten zu können, aber dennoch schön anzusehen und mit Gefühl, im Allgemeinen wie auch für seine Figuren. Und das Lied am Anfang ist auch ganz toll.

 

7/10

 


 

Durst

 

Eine Vampirkunstfilmtragikomödie, bei dem man sich nie sicher sein kann, ob nun die Brutalität oder der (pechschwarze) Humor überwiegen. Park Chan-Wook ("Oldboy") drehte mit "Durst" seinen bis dato blutigsten und zugleich witzigsten Film, was skurril klingt und skurril ist. Ein existenzieller Konflikt zwischen Trieb und Verwantwortung wird gepaart mit einer Geschichte von Leidenschaft und Verführung wird gepaart mit Elementen, die man versucht ist als "trashig" zu bezeichnen, wird gepaart mit visueller Poesie wird gepaart mit groteskem Witz und so weiter und so fort. Das Ergebnis fühlt sich im Vergleich zu anderen Werken des Regisseurs fast schon zurückhaltend an, brodelt aber gewaltig und beschert einem hin und wieder Momente von überwältigender Intensität. "Durst" ist reifes und zugleich vergnügtes Genrekino - und zudem der Beweis, dass auch heutzutage erwachsene Vampirfilme machbar sind.

 

8.5/10

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