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Filmkurzkritiken - D - Das

 

 

Das deutsche Kettensägenmassaker


Herrlichste Anti-Kunst. Widerliche Geschichte über widerliche Menschen in einer widerlichen Umgebung, die widerliche Dinge sagen und machen - widerlich anzusehen, widerlich anzuhören und es ist ein Wunder, dass man den höchstwahrscheinlich ebenso widerlichen Gestank nicht riechen kann. In diesem Sinne ein purer Genuss und weil in einem politischen Kontext dargestellt, auch irgendwie bissig, auf eine herrlich überdreht-polemisch-splatterige Art. Gemütlich ist das alles auf keinen Fall, aber wer sich gern in Ungemütlichkeit wälzt, darf sich hier wie zu Hause fühlen. Schliegensiefs eigene Zusammenfassung "Sie kamen als Freunde und wurden Wurst" trifft die wahnwitzige Stimmung perfekt. Schönster Moment: Udo Kier malt mit seinem blutigen Armstumpf das Peacezeichen auf eine Wand und kichert.

 

8/10



 

Das Fest

 

Ein cineastisches Minimalfest und dennoch mit Stil und Wucht, zum Mitfeiern und Mitfühlen. Intensiv. Ehrlich. Ungemütlich. Hysterisch. Bissig. Ungerecht. Wütend. Zum Greifen nahe, zum Kotzen verlogen. Filmkunst ohne jegliche Distanz, ohne Verfremdungen und ohne Gefangene. Der letzte Zweifel an der Dogma-Machart verfliegt spätestens, wenn der Nachtrausch vom Bildschirm aus über einen drüberrollt und man selbst, durch einen unerträglich penetranten Klingelton aus einem unverständlichen Traum gerissen, durch das dunkle Ambiente irrt, vorbei an im Alkoholdunst schwebenden, beinahe surrealen Gestalten, und ganz nebenbei merkt, dass man gerade so tief im Geschehen drin ist, dass man am liebsten wieder fliehen würde. Das Ende erscheint zunächst etwas unbefriedigend, doch ein "epischerer" Schluss wäre dem Realismus des Films nicht würdig gewesen.

 

8.5/10

 


 

Das Mädchen, das durch die Zeit sprang

 

Sommerheller und jugendlich-quirliger Zeitreisenanime, welcher seine Prämisse mal nicht für besonderen Thrill oder eine Unmenge an Humor (wobei beide Komponenten durchaus Einzug in die Geschichte halten), sondern als Vektor für die (spät-)pubertären Fragen und Sorgen seiner Protagonistin nutzt. Es ist ein bittersüßes Vergnügen, zu beobachten, wie diese wortwörtlich in ihre seelische Reife hineinspringt, -stürmt und -stolpert, und sympathische Unterhaltung allemal.

 

7.5/10

 


 

Das Schweigen

 

In einer Stadt, die nur ihre eigene Sprache spricht, machen zwei Schwestern eine notgedrungene Pause und sind sich im kleinen Hotelzimmer ferner als zwei Sonnen im Universum: Die eine an einer inneren Hitze verzweifelnd, aufgefressen von unerwiderter Zuneigung und einer unheilbaren Krankheit und nur mit der Hand zwischen den Beinen kurzzeitig in einer labilen Glückseligkeit schwelgend, die andere eine zitternd-sinnliche Wärme ausstrahlend und vor einer kindlichen Angstfliehend, die mit einer Erkenntnis schwindet und einem zynischen Grinsen und provozierendem Gestöhne weicht. Und während sich zwei Menschen in den Hass schweigen, wandert der kleine Sohn der manifestierten Weiblichkeit durch das fast leere Hotel und genießt die latente Faszination der stillen Welt, die in kunstvollen Bildern, Ikonen der Ereignislosigkeit, eingefangen wird. Nackte Haut zum beinahe-Anfassen-können, hilfloses Wüten in ich-will-nicht-sterben-Moll und ein Hauch von Nichts an Handlung, dafür aber reines Leben, als kindliche Neugierde, erwachsene Grenz(über)schreitung und alter Frust, mal nüchtern im Lichte, mal berauscht im Halbdunkel, eigenartig, grotesk und dennoch: Menschlich, im Schönen wie im Schrecklichen. Ein Ungemütlichkeitsgenuss vom Feinsten.

 

9.5/10

  


 

Das Waisenhaus


Die kleine Meisterleistung von "Das Waisenhaus" liegt in der für das Genre ungemein logischen Geschichte: Am Ende macht alles einen Sinn, jedes einzelne Detail, mag es einem zuvor noch so unwichtig vorgekommen sein, fügt sich in ein Puzzlebild, dessen Motiv nicht unbedingt originell, aber dennoch wunderschön anzuschauen ist und sogar große Emotionen zu wecken vermag. Ein audiovisuelles Kunstwerk, ein Arthousefilm ohne jegliche Distanz, dessen Prämisse an einem Aspekt ansetzt, welchen bereits Kubrick in "Shining" als perfekt für das Horrorgenre geeignet etablierte - nämlich in ein Eltern-Kind-Beziehungsgeflecht. Statt blutiger Gewalt gibt es latent-verstörenden Grusel, der sich am Ende in eine ungemein harmonische Symbiose aus Erfüllung und Entrüstung entlädt und einen perfekten emotionalen Schlusspunkt setzt. Hier ist jede Szene pointiert und keineswegs nutzlos, jede Einstellung von tiefer Melancholie erfüllt, jeder Ton wie ein Mittler zwischen dem Irdischen und dem Übernatürlichen. Stimmungsvollste Kunst und der Beweis dafür, dass Angst unterbewusst mehr wirkt als durch schlichte Schockeffekte.

 

8.5/10

 


 

Das wandelnde Schloss


Das Ende sicherlich zu viel des Guten, da fehlt schon eine vernünftige Reflexion und die Botschaft fällt dann auch etwas ab, global gesehen. Aber bis dahin hatte ich mehr als nur einmal das Gefühl, dass ich am liebsten alles hinschmeißen würde, um in diesem göttlichen Schloss mitziehen zu dürfen, wo Feuergeister erröten können und eine Vogelscheuche mehr Charakter hat als manche Menschen, die man aus dem echten Leben kennt. Wo eine einzige Tür an unzählige Orte führen kann, an denen man mit unendlich vielen Details und Ideen konfrontiert wird - mit einer alten Hexe, die von bösartig über senil zu böse schwankt, und einem Hund, so sinnlos und doch so cool. Da würde ich auch putzen, für das Abenteuer. Nur die Stimmen, die müssten die mal ändern, falls ich mitziehen sollte, die waren ja teilweise schon etwas laienhaft. Und wieso sich das Alter der Frau von Szene zu Szene merklich ändert, das darf mir auch mal jemand erklären. Aber gut, Magie ist Magie und daraum lässt man sich doch gern verzaubern: Um keine dummen Fragen nach Ursprung und Logik stellen zu müssen.

 

8/10

 


 

Das weiße Band


Ikonische Bilder in schönstem Schwarz-Weiß, Dialoge wie Messer und Äxte, welche eine unheilbar kranke Gesellschaft sezieren und hinrichten, Schauspieler wie mit einer Zeitmaschine aus der grausamen alten Zeit heraufbeschworen und ein wahrhaftiger Menschenzoo, eine ahnungslose Zuchtanstalt für kleine Hitlers, Goebbels, Mengeles und ganz-ganz viel versessenes Kanonenfutter und wütende Henker, bereit, sich für ihre Vergangenheit an ihrer Gegenwart zu rächen. Dazwischen ein einziger Lichtblick in Gestalt eines hilflosen Lehrers, der sich am Ende für den sicheren Frieden entscheidet und damit die Hoffnung auf eine Besserung schweigsam begräbt. Michael Hanekes Meisterwerk ist Geschichte zum Durchfühlen, ein gnadenloser Blick nicht etwa auf eine Zeit, sondern aus einer Zeit heraus, und ganz, ganz großes Arthousekino, zum Niederknien präzise, zum Staunen durchkomponiert, zum Einatmen echt und zum Erschaudern hoffnungslos.

 

8.5/10

 

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