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Filmkurzkritiken - A

 

Adams Äpfel

   Ein sehr, sehr böser und schwarzhumoriger Film, welcher in seiner Endaussage eine Güte erreicht, die in einem sehr krassen Kontrast zum eben Dargebotenen steht - kann das überhaupt gutgehen? Zugegeben, das Ganze ist schon etwas gewöhnungsbedürftig und wechselt manchmal etwas zu extrem zwischen Witz und Ernst, sodass man entweder bei eher traurigen Stellen immer noch weiterlacht, bevor man merkt, dass es gar nicht der richtige Zeitpunkt dafür ist - oder auch den Witz zunächst gar nicht als einen wahrnimmt, so bedrückend waren doch die vorangegangenen Ereignisse. Doch obgleich sich nicht immer alles reimt, hinterlässt der Film einen ordentlichen Eindruck, auch wenn seine Botschaft sehr unerwartet kommt - aber auch gerade deswegen fasziniert. Bis dahin erlebt man einige kranke Situationen, bei denen die Rollen der einzelnen Figuren gerne mal hin- und herwechseln, viele auf eine sehr skurrile Art und Weise witzige Sequenzen und einen hervorragenden Mads Mikkelsen als Pfarrr Ivan, einen sehr seltsamen und faszinierenden Charakter, der aus der ganzen Riege der komischen Gestalten des Film deutlich herausragt und für Erheiterung sowie Mitleid gleichzeitig sorgt. Am Ende ist man zwar mehr verwirrt als schlauer, aber im Grunde genommen ist es ja doch nur eine Komödie, auch wenn sie oftmals gar nicht witzig ist. Oder ist das nur eine ganz besonders fiese Art von schwarzem Humor? Kann schon sein, den Dänen trau ich mittlerweile vieles zu. Empfehlenswert für alle Freunde des Grotesken, sofern denn diese zugleich Zynismus und Güte mitbringen können. Anscheinend schließen sich die beiden Sachen ja doch nicht so sehr aus, wie man zuerst vermuten möchte.


7.5/10

 


Aguirre, der Zorn Gottes

 

  Die Lächerlichkeit der menschlichen Gier und Allmachtsphantasie auf einem Weg ohne Wiederkehr, als überbeladener und unfreiwillig komischer Fremdkörper im subtil mächtigen Dschungel. Kinski mit Eisenhelm (Aguirre) ist zwischen den Ängstlichen, den Bibelfanatikern und den Verfressenen der einzige, der sich nicht in, sondern vor der Masse sieht, und schleicht mit verächtlichem Blick und vollgepumpt mit mühvoll geschaffener Arroganz um das langsam anbahnende Chaos und sorgt immer wieder dafür, dass das (Höllen)Feuer im Inneren nicht ausgeht. Der mit überraschenden Skurrilitäten gespickte Schluss lässt den bis dahin wunderbar authentischen und physisch stets ultranahen Film ein wenig entgleisen, was aber nicht als Kritikpunkt gesehen werden sollte, da er den schön-spröden Trip relativ "logisch" zu Ende führt und sich nicht zuletzt dank der grandios-grotesken Schlusseinstellung ins Gedächtnis brennt. Betrachtet man die Entstehungsgeschichte dieses Werks, möchte man ihn fast als eine Art Katastrophenfilm bezeichnen, was dem Inhalt durchaus gerecht wird.

 

8/10

 



A History of Violence

   Wieder einmal lässt Cronenberg Schreckliches aus Menschen herausbrechen und in diesem Falle ist der simpelste Schrecken von allen - die Gewalt. Mal aus einer vergessenen, aber nicht verschwundenen Vergangenheit in die Gegenwart greifend, als würde sie ihren urtümlichen Besitz zurückfordern wollen, mal als Reaktion auf die Macht des Stärkeren, berechtigt durch in Frage gestellte Autoritäten, denen man im Tiefen des Herzens doch nacheifern möchte, mal aus Ausdruck von Lust oder Liebe, keine Ahnung. Das ist nicht neu, nicht originell und irgendwie vermisst man auch ein wenig den Body-Horror-Aspekt, aber sobald zerschossene Münder nach Atem ringen, weiß man, dass man sich wieder zu Hause befindet und kann nach einem zweiten Boden Ausschau halten. Und ganz nebenbei beweist Viggo Mortensen, wieso er zu den Besten seiner Generation gehört - begleitet von fast ebenso stark aufspielenden Ed Harris, Maria Bello und William Hurt, die aus jeder Szene ein intensives Gefühl machen. Einfaches, aber effektives Schauspielkino, brutal und intensiv und mit einer großartigen Eröffnungssequenz, die ganz nebenbei einen perfekten metaphorischen Einstieg in die Thematik bietet.


8/10



 

Akira

 

Die Art und Weise, wie "Akira" am Schluss seine unzähligen Figuren, Motivationen und Handlungsstränge in einem entfesselten Showdown zusammenführt und eskalieren lässt, lässt einen vermuten, dass das wirklich essentielle Element eines Animes nicht etwa eine tiefgründige Geschichte, erinnerungswürdige Figuren oder eine wichtige Botschaft ist, sondern die überwältigende Ekstase auf dem Höhepunkt des Geschehens, die grenzenlose und größenwahnsinnige Zelebrierung des cinematographischen Vollrauschs, welche sich für alle Ewigkeiten ins Gedächtnis einbrennt, egal, wieviel man von der tatsächlichen Story mitbekommen hat. Diese beginnt in "Akira" beinahe behäbig und steigert sich nach und nach zu einem schwer durchschaubaren paranormalen Actionthriller, welcher zu einem von Hoffnung und Zorn, Ambition und Versessenheit durchzogenen Finale führt, welches zwar ein großes Fragezeichen hinterlässt, aber mit seiner grenzenlosen Brachialität auch ein unvergessliches Ausrufezeichen setzt. Wer behauptet, dass Animes Kinderkram sind, soll sich das anschauen und die Klappe halten - wer es nicht tut, kommt an diesem mysteriös schimmernden Werk ohnehin nicht vorbei.

 

8.5/10

 


 

Alles über Eva

 

Von der mit missmutigen Blicken gesegneten Preisverleihung über die von vornherein klare, aber nichtsdestotrotz spannende Vorgeschichte bis hin zu einer Dankesrede, welche der allseitigen Bigotterie mehr als würdig ist, und darüber hinaus in die verträumte Verbeugung vor unzähligen Spiegelbildern, welche uns wieder zum Anfang führt, ist "All About Eve" die schonungslose Reise über das Möbiusband von Kommen und Gehen, oder besser: Hinaufschleichen und Hinabstürzen. Von Schauspielern, welche ihr Talent erst außerhalb der Bühne komplett entfalten, von (vermeintlich) allmächtigen Kritikern und bei all den Intrigen hilflosen Regisseuren, von der Herrlichkeit des Fame und dem tosenden Liebesbekenntnis der klatschenden Hände, für die man alle und alles verraten würde, sich selbst inklusive. Der Weg, welcher zum begehrten und verpönten "Sunset Boulevard" führt, ist weder minder erleuchtet noch weniger hinterhältig - und das superbe Ende brennt sich ebenso ins Gedächtnis ein wie Wilders Zelluloidwahnabrechnung, wenngleich "All About Eve" im seinem Wahnsinn doch einen Ticken subtiler ist. Ganz großes Schauspiel- sowie Dialogkino mit einer evergreen-Aussage, die zum Schluss trotz aller optischen Schlichtheit mit die schönsten Symbolbilder erhält.

 

9/10

 



Am Anfang war das Feuer

 

   Dieses von einer seltsamen Fast-Sprache unterlegte Treiben funktioniert tatsächlich, spätestens wenn eine Liebesbeziehung damit beginnt, dass sie seine verletzten Hoden mit wundersamen Kräutern heilt, oder wenn grimmige Mammuts durch demütige Gesten zur Zusammenarbeit gebracht werden (die sind mir in dieser Form übrigens um einiges lieber als die meisten CGI-Viecher). Und über allem natürlich das Feuer, diese absolute Macht, die man so schwer findet und so leicht wieder verliert. Aber sobald der Mensch sich vom Zufall abwendet und seine Stärke selbst erschafft, ist eine Wende vollbracht, der selbst die sofortige Euphorie nicht würdig sein kann. Da so spröde wie das Leben damals, schleichen sich zum Ende hin ein paar Längen ein und wegen dem Fehlen von richtigen Dialogen ist die Konzentration manchmal schwer zu bewahren. Aber gerade dadurch trägt der Film eine Ehrlichkeit in sich, die man bei diesem Thema anders nie hätte erreichen können. Einzigartig und richtig gut.


7.5/10


 

American Beauty

 

Kevin Spacey kämpft mit allen Mitteln gegen die Midlife-Crisis, weil ihn der Anblick der süßen Bekannten seiner Schwester aus der alltäglichen Lethargie ("Schauen Sie mich an. Ich hole mir unter der Dusche einen runter. Das ist der Höhepunkt meines Tages. Ab jetzt kann es nur noch abwärts gehen.") herausreißt. Die bisherige Leere in seinem Leben kompensiert er nun durch Drogen, offenen Streit und Fitness ("Was wollen Sie?" - "Ich will nackt gut aussehen."). Währenddessen macht seine Tochter die Probleme der Pubertät durch und trifft einen verschrobenen jungen Kerl, der gerne herumfliegende Mülltüten mit der Kamera filmt und einen extrem schwulenfeindlichen Vater hat, der auch nur am Pöbeln ist. So lechzen, schwitzen und schreien sich alle durch ihr Leben, die einen erfüllt von Lust, die anderen von Sehnsucht und manche von nichts, in den Wahnsinn getrieben durch die Einsicht, dass es tatsächlich nichts Nennenswertes ist, was sie antreibt. Bitterböse und bissige Satire auf die amerikanische Bilderbuchfamiliengesellschaft, deren Zähne den Zuschauer bis zur Ekstase kitzeln. Und Kevin Spacey ist eine verdammte Natugewalt.

 

9/10

 



American Pie

   Teils recht witzig, teils sicherlich bescheuert, aber nie so bescheuert, dass man nicht mehr drüber lachen könnte. Die Figuren sind Stereotypen, wirken aber doch irgendwie sympathisch, die Situationen ebenso. Dazu noch zwei grandiose "Lachszenen" (Jims erster Anmachversuch sowie das Pärchen, das kurz vor dem ersten Mal von Stiflers Bruder gestört wird) und eine überragende Webcamsequenz, bei der nicht nur das Geschehen an sich, sondern vor allem die Reaktionen der Zuschauer darauf für Bauchschmerzen sorgen, sodass am Ende eine niveaulose, aber charmante Teeniekomödie bleibt.


6.5/10



American Psycho

Ein grandioser, nein, ein genialer, nein, ein perfekter Christian Bale in einer etwas bemühten Satire, der im Endeffekt doch ab und zu die Konsequenz fehlt. Die Eiseskälte der Hauptfigur wird zwar gut, aber auch zu kühl dargestellt - ein Blick auf die Geschichte wird dem Zuschauer geboten, mittenrein wird dieser jedoch nicht versetzt. So bleibt "American Psycho" distanziert und etwas unausgewogen (auch beim Soundtrack), unterhaltsam, aber nicht fesselnd, witzig, aber nicht so bissig, wie er gerne wäre - zudem zu glatt, um wirklich schockieren zu können. Wer eine Kettensäge zeigt, soll nämlich auch deren Kollision mit menschlichem Fleisch zeigen, sonst verpufft die Wirkung doch recht schnell. Das Buch soll härter sein? Dann freue ich mich mal darauf.


6.5/10


 

Anderland

 

Die gelackte Höllenvision für die Arthouse-Gemeinde - alles säuberlich durchkomponiert und in besonnenem Tempo, makellosen Bildern und schnörkellosen Dialogen präsentiert, aber mit Beziehungen ohne Liebe, Lebenszielen ohne Motivation, Sex ohne Orgasmen und - oh Graus - Alkohol ohne Rausch. Leben ohne Leben und Tod ohne Tod. Ein Karusellritt in Slo-Mo ohne Abstiegsmöglichkeit. Kälter geht es nicht. Glaubt man...


Wer Kafka mag/liebt/vergöttert, MUSS in "Anderland" Urlaub machen, das Wörtchen "kafkaesk" hat seit "Brazil" nicht mehr so gut gepasst und ist hier gar einen Ticken angebrachter.

 

8/10

 



Angel Heart


   Rekordverdächtig ungemütliche
r Film mit einem passend ungemütlichen und bösen, aber auch etwas vorhersehbaren Ende. Aber da in dieser Umgebung kein Wissen für einen Lichtblick sorgen kann, fällt das nicht allzu schwer ins Gewicht. Und eine der faszinierendsten Sexszenen ever gibt´s hier auch.


8/10



Angst

   Es ist jene eiskalte Selbstverständlichkeit, jene abstoßende Rationalität in den Monologen des gestörten Protagonisten, welche mehr schockiert als jegliche Gewaltdarstellung. "Angst" ist stilistisch makellos (die Kamera passt sich ungemein gut dem Gemütszustand der Figur an) und verdammt hässlich, faszinierend und ekelerregend, sowie extrem ungemütlich. Die zeitliche wie physische Präzision ist dabei Fluch und Segen zugleich: Zum einen macht sie die Geschehnisse direkt und greifbar, zum anderen nimmt sie dem Film besonders zum Ende hin das Tempo weg und lässt das anfängliche Grauen irgendwann ins Warten auf das nächste Ereignis münden. Dennoch kann der Schluss mit einem perfiden Gänsehautmoment auftrumpfen und auch die erste objektive Reflexion am Ende kann dem hochsubjektiven Wahnsinn, welchem man eben distanzlos ausgesetzt wurde, nicht die verstörende Wirkung nehmen. Der Film mag einem beim Schauen hin und wieder merkwürdig erscheinen, im Nachhinein ist er ein Kunstwerk zu einem Thema, welches man nur schwer würdig in der Kunst darstellen kann - und zwar ein überraschend gelungenes.


8.5/10

 


 

Antichrist

 

Manche Menschen verkriechen sich bei Depressionen in einer dunklen Ecke und heulen. Lars von Trier dagegen macht einen Film daraus und freut sich, dass er damit andere Menschen deprimieren kann. Das Ergebnis ist eine größenwahnsinnige Auseinandersetzung mit den menschlichen Trieben, ein intensiver Horrortrip ("Chaos reigns!"), ein kryptisch-existenzielles Drama, ein schauspielerisches Delirium (besser, krasser, eindringlicher als Charlotte Gainsbourg kann niemand "Where are you?!! You bastard!!!" in Dauerschleife schreien), eine Antithese zum Christentum ("[Human] nature is Satan's church."), ein pulsierendes Kunstwerk (die Einleitung ist zum Niederknien) und vor allem ein Selbstdarstellungsdenkmal eines der größten Regisseure unserer Zeit, ein Essenzwerk, welches man gesehen haben muss. Ratio versus Anima, Mann gegen Frau, Mensch gegen Natur, Filmemacher gegen Zuschauer - zumindestens im letzten Punkt kann es eigentlich nur Gewinner geben.

 

9.5/10

 


 

A Tale of Two Sisters

 

  Bis zum bedrückenden und grandios mehrdeutigen Ende ein Verwirrspiel ohne erkennbaren Ursprung, bei man man sich nie sicher sein kann, wessen Wahn man gerade ertragen muss - das bekommt außer Lynch wohl nur das asiatische Kino so gut hin. Die wenigen Horrorelemente wirken beinahe wie Fremdkörper in diesem Drama (oder wäre Tragödie ein besseres Wort?), welches hinter seiner Langsamkeit und Stille eine verbissene Last an Wut und Misstrauen verbirgt und dem Zuschauer so oft die Böden unter den Füßen wegreißt, bis es mit diesen ein ganz neues Storygerüst aufbauen kann. Auf subtilste Art und Weise großartig.

 

8/10

 


 

Avatar

 

Den Innovationspreis für eine besondere Geschichte gewinnt "Avatar" wie erwartet nicht - die Story ist stellenweise schmerzhaft vorhersehbar, wenn auch ihre Aussage gewiss nicht schlecht ist (ich erinnere nur daran, dass beim Fällen eines gewöhnlichen Regenwaldbaums mehr Lebewesen ihren Lebensraum verlieren als irgendwelche Wesen in diesem Film gezeigt werden). Was den Film dennoch zu einem Erlebnis macht ist seine Optik - und zwar nicht nur aufgrund der (superben) Qualität der Effekte, sondern auch wegen der völlig unkünstlerischen Art und Weise, mit der diese unverschämt verschwenderisch auf die Leinwand geschleudert werden. Pandora hat keinen eigenen Stil, sie ist nur die Perfektion eines paradiesischen Urwaldes - aber was für eine Perfektion! Hier ist jedes Detail zum Greifen nahe (vor allem bei einer 3D-Sichtung), hier wirkt alles lebensecht: Camerons Vision bietet nichts, aber auch gar nichts Neuartiges (abgesehen von den berüchtigten USB-Haaren, die wie eine Cyberpunk-Metapher für Naturverbundenheit wirken) und ist dennoch ein beeindruckendes Trip, ein realitätsentfliehender Urlaub für alle Sinne, ein pubertärer Kindheitstraum von Freiheit und Action und Heldengedöns. Das ist zwar purster Mainstream und in der Erzählweise ein spröder Ökö-Blockbuster, aber den Spaß und die Faszination, die von Pandoras visueller Perfektion ausgeht, möchte man dennoch nicht leugnen. Die Spiegeleffekte sind übrigens schöner als in der Realität und verdienen einen Extrapreis, aber das nur so rein subjektiv beobachtet.

 

7/10 (3D-Fassung)

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