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Filmkurzkritiken - 0-9

 

 

 

12     

     

   Nikita Michalkow lässt alles wie eine Komödie beginnen, die Figuren werden eingeführt, indem gezeigt wird, wie sie ihre Langeweile vertreiben und sich dumme Späße erlauben. Danach schneidet er quer durch die Gesellschaft, lässt alle zu Wort kommen und zig verschiedene Meinungen aufeinandertreffen, in einem einzigen Raum, aber mit einer Wucht, die diesen zu sprengen droht. Die Schauspieler sind dabei stets auf dem Maximum, die Monologe und Dialoge sind manchmal pure Gänsehaut - etwa wenn der Taxifahrer einen Mann auf einem alten Rollstuhl durch den Saal fährt und ihm in allen Details schildert, wie dieser nach Hause kommt und seine Familie von Ausländern abgeschlachtet vorfindet. In solchen Sequenzen entwickelt der Film eine Intension, wie sie nur die besten Kammerspiele schaffen. Dazwischen gibt es noch ein paar Rückblenden auf das Leben des Angeklagten mit einer unvergesslichen Szene zwischen zwei Häusern, die sich gegenseitig beschießen, als wären sie Protagonisten in einem John-Woo-Film - sowie unzählige Fehler, was die Darstellung eines Geschworenengerichts angeht. Aber bei dieser psychologischen Präzision wäre es nun wirklich nicht angebracht, auf solche belanglosen Kleinigkeiten zu achten. Ein perfekt gespieltes Charakterdrama und eine intelligente Gesellschaftsparabel zugleich - und womöglich Michalkows letzter guter Film.


8.5/10



1984            

 

   Es ist eine Kunst, den puren Schrecken nicht durch Gewalt und Brachialität, sondern durch winzige, an sich harmlose Details darzustellen: Durch Kinder, die gemeinsam ein Lied singen, oder eine Frau in einem schlecht beleuchteten Raum. Und "1984" beherrscht diese Kunst perfekt, präsentiert in seinen dreckigen, ungeschönten Bildern von Winstons Alltag eine Welt, die aus jedem Stein und aus jedem gesagten Satz ihre totalitäre und unbarmherzige Art atmet, eine Welt, für die es keine Rettung und aus der es kein Entkommen gibt: Nur eine stille, armselige und zum Scheitern verurteilte Hoffung. Zunächst wirkt der Film auf eine subtile Art und Weise erschreckend, bis er dann im letzten Drittel all die vermutete Grausamkeit in John Hurts zerstörtem und gequälten Gesicht manifestiert und sich endgültig ins Gedächtnis einbrennt, als eine Narbe, die man nie entfernen kann. Die Umsetzung von Orwells zeitlosem Roman ist atmosphärisch eine Offenbarung, zudem ist John Hurts Darbietung intensiv bis zur Schmerzgrenze. Was fehlt, ist das Wieso, nach welchem der Film zwar die Frage stellt, aber diese nicht beantwortet: Da muss dann doch das Buch her, um ein vollständiges Bild vom "Großen Bruder" zu erschaffen. Aber die Stimmung von "1984" gibt der Film nahezu perfekt wieder - die pure Ästhetik der dreckigen Hinterhöfe und verfallenen Häuser. Und ganz so verkehrt ist der Name des "Ministeriums für Liebe" auch wieder nicht, wenn man es ganz zynisch betrachtet.


8/10


 

2:37        

 

   Knapp eineinhalb Stunden werden menschliche Fassaden zerschlagen und die letzte wird mit dem Schädel des Zuschauers durchbrochen - immer und immer wieder, bis man weder hinschauen noch -hören möchte. Was wie ein typisches Schulkinder-Problemdrama beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einem gnadenlos ehrlichen und schmerzhaft intensiven Querschnitt durch das grausame menschliche Beziehungsgeflecht, das von Verdrängung, Ignoranz und Egoismus geprägt und von Hoffnungslosigkeit durchzogen ist. Filmtechnisch wie schauspielerisch auf eine subtile Art makellos und mit einem verstörenden und wütend machenden Ende - "2:37" ist ein ausdrucksstarkes Debütwerk, dessen persönlich motivierte Ambitionen zu keinem Zeitpunkt fehlschlagen und dessen ungeschönte Sezierung seiner Figuren noch lange nachwirkt.


8.5/10

 



2046      

       

  Wie schon in "In The Mood For Love": Selbst in seiner Stille noch prätentiöses Auf-Teufel-komm-raus-Arthouse-Kino, das mit der Entschuldigung "Ich funktioniere auf der emotionalen Ebene und bin sensibel, du Arsch" ankommt und in dem nahezu nichts passiert. Aber im Gegensatz zum Schlafmittel-Vorgänger kann "2046" durch nette Details, einigermaßen viel Abwechslung, einen tollen Soundtrack und eine nette zweite Erzählebene so weit unterhalten, dass man die verbrachte Zeit nicht als verschwendet ansieht. Seine in wirklich sehr schönen Bildern präsentierte Anmut verkommt zwar sehr schnell zu einer undurchdringlichen Kühle, aber die melancholische Stimmung unterhält bis zu einem gewissen Grad, auch wenn sie eine richtige Faszination, die der Film gebraucht hätte, nicht erzeugen kann - außer vielleicht in den Sequenzen aus dem Roman. Ansonsten dümpelt der Film vor sich hin, erzählt mal wieder eine Geschichte über eine Geschichte, die doch keine wurde, und man schwelgt in schönen Einstellungen, bis irgendwann alles zu Ende ist und sich nichts verändert hat - außer dass man zwei Stunden in der Zukunft gelandet ist. Die unmittelbare Vergangenheit ist dabei ansehnliches Arthouse-Fastfood gewesen, also macht man Bäuerchen, geht ins Bett und wacht am nächsten Morgen unbelastet wieder auf und hat für die Zahl "2046" eine neue Bedeutung, die keine ist. Ging doch.


6/10



39,90             

 

      Plakativ, prätentiös, überinszeniert, nicht so tiefgründig wie er sein möchte, nicht besonders frisch in seiner Aussage und mit weniger Nachhall, als man es zunächst vermuten möchte - aber dafür berauschend, amüsant, schonungslos zynisch, schwarzhumorig und oftmals vollends durchgeknallt. Jan Kouen serviert hier einen konsequenten Dauerrausch in grandioser Optik, der mit betont entlarvenden Sprüchen und bizarren Regieeinfällen die inhaltlichen Schwächen gekonnt verdeckt und sich somit schamlos der Mittel bedient, die er eigentlich zu kritisieren versucht. So subversiv, dass er sich selbst in den Hintern beisst - aber, wenn man besonders weit überinterpretiert, dadurch noch viel bösartiger und entlarvender, als er es eigentlich zu sein glaubt. Und abgesehen davon einfach nur ein ganz, ganz großes Vergnügen: Schrill, laut, komisch, schamlos und mit einem grandiosen Ende gewürzt, welches dann doch noch die eigentlich gewollte Botschaft rüberzubringen weiß und den Zuschauer mit einem hämischen Grinsen zurück in die Realität entlässt. Und so ausgelutscht manche Aussagen auch scheinen mögen - sie besitzen immer noch mehr Wahrheitsgehalt, als wir es gerne zugeben würden.


8/10


 

 5 Centimeters Per Second

 

Unfassbar. Das ist Animation, Zeichentrick, künstlicher geht es kaum, und dennoch kann ich mich an kaum einen anderen Film erinnern, welcher dieses Gefühl von Welt und Leben so präzise und intensiv und wunderschön wiedergibt, wenn man kurz innehält, um die flackernde Lampe im Zug oder einen heruntergefallenen Schlüsselbund oder den fallenden Schnee zu genießen - oder den Menschen neben einem, so nah und so fern, auseinandergerissen von Gefühlen, welche drängen, und Wissen, welches zurückhält, im Zwiespalt und in Harmonie zugleich. Momente, wenn man die Welt für Sekunden mit anderen Augen sieht. Momente, wenn einem die Ästhetik und Schönheit und Erfüllheit der nächsten Umgebung oder des Panoramas, welches sich vor einem ausbreitet, endgültig klar werden. Momente von Licht als Erleuchtung und Wärme als Auftauen. Momente, rausgerissen aus gefühlten Ewigkeiten und als ob sie nie vorbeigehen würden. Momente der feinsten Nuancen, von Hoffnungsschimmern, die man isst und atmet und nie wieder hergeben möchte, und von Erkenntnissen, die man nie gewollt und stets geahnt. Einatmen, ausatmen, leben, in bunten Bildern und dem Glück hinterher, welches erst dadurch zu Glück wird, weil man dieses nie erreichen kann. Sentimental? Nein, verdammt noch mal - menschlich, durch und durch. Was soll ich dazu noch mehr sagen, es ist - nein, nicht zu schön, um wahr zu sein, sondern so wahr, dass es nur schön sein kann. In jedem einzelnen Augenblick. Wie gesagt, unfassbar.

 

9/10

 


 

 

(500) Days Of Summer                

Der Independent-Film lebt und liebt - oder ist es doch nur Verliebtheit? Wunderschöner und gnadenlos bis erfüllend ehrlicher Film, der unzählige grandiose Inszenierungsideen bietet und mit unvergesslichen Dialogen auftrumpft:

   "I guess I just figured, why make something disposable like a building when you can make something that last forever, like a greeting card. "

   "(500) Days Of Summer" bewegt sich auf allen Wellen, die die Liebe schlägt: Sei es das naive Glück, wenn man am liebsten laut singen und die ganze Welt umarmen möchte, sei es die einem selbst so unendlich scheinende Verzweiflung, die manchmal doch kurzlebiger ist, als man es zu Beginn dieser jemals zugeben würde. Seien es die Details, deren Bedeutung so sehr schwankt, oder seien es die Sätze, die je nach Stimmung völlig verschieden verstanden werden, auch wenn sie das Gleiche bedeuten. Für alle Aspekte hat der Film die passende optische Lösung und schafft es so, jede Gefühlslage so zu bebildern und zu betonen, dass sie, obwohl sie nichts wirklich Neues aussagt, dennoch frisch und amüsant wirkt. Da sieht man auch über die wenigen Schwächen hinweg - zu nennen wäre da etwa der etwas gestörte Blick von Zooey Deschanel, an den man sich aber zum Glück irgendwann gewöhnt. Und der Soundtrack ist auch leicht überbewertet - aber nichtsdestotrotz ist "(500) Days Of Summer" einer der besten Liebesfilme (mag er noch so laut betonen, dass er keiner ist). Stellenweise ist hier ein wenig Kitsch nicht zu vermeiden - aber hey, es geht hier nicht um Krieg oder die Apokalypse, sondern um die ganz einfache menschliche Liebe und diese ist öfters naiv und schwärmerisch. Und mag diese Naivität sich am Ende gegen uns kehren - sie beschert uns doch Momente voller Schönheit, die das Herz höher schlagen und unendlich scheinende Glücksblasen entstehen lassen. Und besser als hier kann man dieses Wechselspiel der Gefühle, diesen ewigen Kreislauf aus Hoffnung, Glück und Verzweiflung kaum darstellen.

   "Henry Miller said once, the best way to get over a woman is to make her literature."


9/10

 


 

8. Wonderland

 

Eine Weltverbesserungsutopie, deren Ideen symptomatisch für die aufgestaute Wut des Gesellschaftsnachwuchses und dadurch gar nicht unsympathisch sind, welche jedoch den unabdingbaren Funken Selbstironie vermissen lässt und budgetbedingt einige grobe Logiklöcher nicht vermeiden kann - klar kann ein FBI-Mann visuell wie akustisch geheime Pläne mit Terroristen aushecken, während an ihm in jeder Minuten Dutzende Menschen vorbeilaufen, schließlich stehen die Tische klassenraumeng aneinander. An Ambition fehlt es "8. Wonderland" gewiss nicht, werden doch Gesellschaft, Kirche und Politik an ihren wundesten Stellen in Rechenschaft gezogen, doch das Vorgehen - story- wie drehbuchtechnisch - hat immer wieder den faden Beigeschmack einer übermotivierten Parodieposse von einer politisch-pubertären Jugendlichengruppe. Für solche könnte der Film eine mittelgroße Erfüllung darstellen, alle anderen dürfen sich über einige passable Ideen freuen und über so einige so gar nicht zu Ende gedachte Ansätze sowie das nach einem eigentlich soliden Finale in biederes und völlig irreales Friede-Freude-Eierkuchenszenario mündende Ende ärgern. Als Teilzeitgeistdokument gerade durch den Web 2.0-Bezug ist der Film durchaus interessant, als Überambitionsstudie sowieso.

 

5/10

 


 

96 Hours

 

Liam Neesons kaltschnäuziger und unbeirrbarer Streifzug durch das feindselig-infizierte Europa, welches als Symbiose aus Teenie-Traum und suspektem Menschenhändlermorast gar nicht so schlecht funktioniert, überzeugt mit Härte und Konsequenz, bietet jedoch sehr wenig Erinnerungswürdiges, zudem ist der Schluss in seiner bigotten Idylle schlichtweg beleidigend. Als modern-heftige Actionunterhaltung für zwischendurch geht "96 Hours" dennoch in Ordnung und ist in all seiner Gewissenslosigkeit zwar nicht besonders human, behält dafür eine gewisse Ehrlichkeit zu den gezeigten Brutalos (inklusive des Protagonisten) bei, was wirklich angenehm ist.

 

6/10

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