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"Nachtrausch" - Der Anfang

Nachtrausch

 

    eins.


    vorerst namenlos.

    Mein Name? Verdammt, mein Name. Ich brauche endlich einen neuen Namen. Mein Wunsch wäre, ein Anagramm zum alten zu nehmen, doch den alten habe ich leider leider vergessen.
    Was soll ich hier ohne Namen? „Wie heißt du?“-„Ich habe keinen Namen.“ Erbärmlich. Erstens: unoriginell und unlustig. Zweitens: Unseriös. Drittens: Deprimierend. Ich und deprimiert? Das Universum und klein. Soll ich mich nach jemandem benennen? Bill? Tyler? Travis? Nein, ich brauche etwas Neues. Exotisches. Markantes. Denk nach, Namenloser, denk nach. Überleg dir erstmal einen allgemeinen Stil. Nicht klassisch. Nicht expressionistisch. Postmodern vielleicht? Postmodern klingt gut, aber was bitteschön wäre ein postmoderner Name? Ein Anagramm zu einem Schimpfwort? Habe ich endgültig jeglichen Respekt vor mir selbst verloren? Wie soll mich irgendjemand respektieren, wenn ich es selbst nicht tue?
    Ich kann ja auch den erstbesten Passanten nach seinem Namen fragen und diesen annehmen. Mitten in der Nacht, wo kaum jemand hier unterwegs ist. In welchem Land bin ich überhaupt? Egal, tut nichts zur Sache. Meine Suche richtet sich nicht nach Ländern. Ich weiß noch nicht einmal, welches Jahr es ist, geschweige denn das genaue Datum. Ich habe eine neue Zeitzählung, ganz alleine für mich. Es müssten etwas drei Jahre, vier Monate, zehn Tage und acht Stunden sein bis...bis was überhaupt? Wie nennt sich das nochmal? Ankunft? Beginn? Ende? Hängt wohl von mir ab...
    Ein Name. Ist das wirklich so schwer? Ich nenne mich einfach Robert. Robert the Rabbit. Kaninchen. Sexsüchtig. Robert nenne ich mich, wenn ich das nächste Mal ein Bordell aufsuche. Falls ich Zeit dafür habe. Wobei, Zeit ist gewiss nicht das Problem. Wenn nötig, wartet die Welt eben ein wenig auf mich. Sie läuft mir schon nicht davon.
    Jackie. Ein kleiner dummer drogensüchtiger Gangster. Hahaha.
    Frank. Ein typischer Schurkenname. Leonie, Lynch, Kelly, sonstwer. Kann ich mir das leisten? Nein. Bin ich überhaupt ein Schurke? Das bestimmen nach wie vor die anderen...
    Jerry. Hat etwas Masochistisches an sich, finde ich. Fällt weg.
    Henry. Ein wenig edel. Zu edel für mich, ich brauche etwas Dreckigeres.
    Terry. Von Terra, erdgebunden also. Bin ich das? Nein, und kein Grund zum Lügen.
    Rellik. Unglaublich originell und passt sogar zu meinen Absichten. Blanke Ironie. Oder etwa nicht?
    Ach verdammt, ich gebe es auf. Ich werde gleich zur erstbesten Person gehen und diese fragen, welcher Name zu mir passen würde. Wenn dir etwas zu schwer erscheint, dann schiebe die Verantwortung einfach auf jemand anderes.


    ein weiterer Namenloser.

    Aaaaaah. Luft. Sauerstoff fließt durch mein Blut...mein Blut! Ach, welch eine Freude. Etwas hat mich gerufen, dann meine Hand ergriffen und mich hierher gezogen. Ich kann atmen. Ich kann fühlen. Ich kann riechen. Ich kann dem erstbesten Menschen ins Gesicht pissen und ihm anschließend mit meinen eigenen Händen den Schädel zertrümmern. Ich kann meinen Mund öffnen und ein Lied singen und jeder wird es hören können. Ich lebe, hier und jetzt.
    Eine Seele nur mit einem Namen ist leicht erbärmlich. Eine Seele mit einem Körper, das ist das Wahre. Und sogar einen Namen habe ich.
    Mein Name ist Taa. Jetzt sogar in zwei Dimensionen. Was hat mir bloß dieses Glück geschenkt? Was es auch immer war, ich verneige mich zum Dank.


    Daniel K., 31.

    Kevin ist schon ein seltsamer Kerl. Pennt einfach in meinem Auto ein. Gut, besser als es vollzukotzen, wie es das letzte Mal der Fall war, aber trotzdem. Hätte mir in der Zeit ruhig etwas erzählen können. Zum Beispiel, was er mit der Lisa angestellt hat. Oder auch nicht angestellt hat, bei soviel Alkohol...wer weiß. Wäre nicht das erste Mal, dass er sich schöne Frauen hässlich säuft. Irgendwas an ihm ist immer verkehrt. Und jetzt döst er vor sich hin, der Arsch. Egal, ich höre jetzt mal lieber etwas Musik, sonst schlafe ich auch noch ein. Mal sehen, welche CD gerade drinliegt.
    Oh ja. Ich liebe Progressive Rock. Schlaf gut, Kevin, und träum was Psychedelisches.


    Kevin N., 32.

    Schnarch.


    wieder der suchende Namenlose.

    Nachts sind nicht viele Passanten unterwegs. Soll ich ein Auto anhalten? Autos sind aber auch nicht in Sicht. Hey, wer ist denn das? Eine junge geschmeidige Frau kommt mir entgegen. Zwar riskiere ich, als perverser Vergewaltiger hingestellt zu werden, aber was wäre schon meine Existenz ohne Risiko? Richtig, erbärmlich.


    Vivi, 20.

    Weit ist es ja nicht, da kann ich auch zu Fuß laufen. Gangs gibt’s hier ja auch keine, also brauche ich auch keine Angst zu haben. Ich wette, ich werde hier eh niemandem begegnen. Wer läuft um die Zeit noch draußen rum?
Serienkiller, hahaha. In diesem Kaff. Wurde hier je ein Verbrechen begangen? Ein richtiges, mit Blut und Gewalt? Würde mich wundern...
    Oh mein Gott. Da kommt wer. Auf der selben Straßenseite. Soll ich rübergehen? Neien, damit zeige ich nur meine Angst. Und wer Angst zeigt, ist das erste Opfer. Und wer übermütig ist, das blutigste...nein! Hör auf! Bleib ruhig und geh weiter. Setze einen Blick auf, als wärest du die gierige Killerin. Die Chance, überhaupt von ihm angesprochen zu werden, beträgt wahrscheinlich nicht mal zehn Prozent. Man sollte nicht immer alles überstilisieren. Ein mutiges Lächeln auf die Lippen und vorwärts.
    Dreißig Meter. Zwanzig Meter. Zehn Meter. Gleich ist es vorbei. Drei Meter. Gleich ist es...
    „Entschuldigen Sie?“
    Hilfe. Hilfe. Nein, nein, nein! Ruhig bleiben. Cool bleiben. Der will bestimmt nur Feuer. Wo habe ich nochmal mein Feuerzeug...
    „Könnte ich Sie vielleicht um einen Gefallen bitten?“
   Zeig keine Angst, bleib cool...einen Gefallen, ich will gar nicht wissen, was der jetzt sagt. Sieht aus wie ein Freak, aber nicht unbedingt wie ein Perverser? Hoffentlich...
     „Hallo? Hören Sie mich überhaupt?“
    Jetzt lächelt er auch noch. Doch ein Perverser...ich will nicht streben!
    „Ja...“
    „Ich weiß, es klingt ein wenig dämlich, aber...was denken Sie, wie ich heiße?“
    „Wie bitte?!“ Ist er komplett durchgeknallt oder will er mich nur dissen?, bevor er mich ermordet?! Was kommt als Nächstes? Soll ich den Namen von seinem Glied erraten? Was zum...
    „Ich brauche einen Namen, aber mir fällt irgendwie nichts ein...könnten Sie mir bitte helfen?“
    Ein Verrückter. Naja, zum Glück ein recht harmloser, bisher jedenfalls. Ein wenig entspannter bin ich jetzt schon, aber das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, bleibt.
    „Für was brauchen Sie denn einen Namen?“
    „Nun ja, für mich. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch...“
    „Haben Sie Gedächtnisschwund? Geht’s Ihnen gut?“ Oh weh, jetzt kriege ich ja richtig Mitleid mir dem. Was ist ihm nur passiert?
    „Nein, nein.“ Er lächelt schüchtern. „Ich weiß,w er ich bin und was ich tue, zumindestens im gewöhnlichen Sinne.“
    „Im gewöhnlichen Sinne?“
    „Ach, wissen Sie, ganz krass betrachtet, weiß ja niemand, wer er wirklich ist, oder? Man glaubt nur, alles über sich zu wissen, aber manchmal wird man eines Besseren belehrt. Spätestens nach dem Tod.“
    Ein Philosoph, auch das noch, Wieso passiert sowas immer nur mir?
    „Und ich soll Ihnen einen Namen geben?“
    „Stellen Sie sich doch einfach vor, Sie bekommen einen Sohn. Wie würden Sie ihn nennen?“
    „Eigentlich will ich keine Kinder...“
    „Benutzen Sie doch einfach Ihre Imaginationskraft! Oder, zum Beispiel, wenn eine gute Freundin einen Sohn gebärt und Sie ihm einen Namen geben dürfen, was sagen Sie dann?“
    Hm, ein Name, ein Name...Orlando...Karl...Paul...oder wie hieß nochmal der eine kranke Typ da? Teys?
    „Teys?“
    „Ties?“
    „T, E, Y, S. Keine Ahnung, ich...“
    „Nein, nein, das ist gut!“
    Noch nie habe ich einen Menschen so glücklich gesehen. Aus welcher Anstalt ist der entlaufen?
    "Wollen Sie noch einen Nachnamen?“
    „Wer braucht schon Nachnamen? Vielen vielen Dank, Sie haben mir wirklich sehr geholfen!“
    Er zwinkert, dann erhält sein Lächeln etwas...Dämonisches? In dem Augenblick, als er sich wegdreht, verändert sich sein Gesichtsausdruck...oder ist das nur Einbildung? Ich schau ihm nach, während er die dunkle Straße entlanggeht. Wer war das nur? Ich glaube, er hinkt ein wenig...
    Ich glaube, ich sollte weitergehen, ich bin ohnehin etwas spät dran...


    Teys.

    Teys. Hat ein wenig Animestyle, gefällt mir. Ich will gar nicht wissen, was dieses arme Mädchen von mir gedacht hat. Gewiss nichts Gutes. Hätte ich sie vergewaltigt, würde sie sich jetzt wohl normaler fühlen. Aber man kann ja nicht immer nett sein. Das Gleichgewicht muss stets bewahrt werden.
    So, jetzt kann ich mich aber reinen Gewissens meiner Aufgabe widmen. Teys, in deinen Händen liegt das Schicksal der ganzen Welt. Natürlich ist das Schicksal vorbestimmt, aber ein wenig Selbstrespekt hat noch nie geschadet. Auch wenn ich nur ein kleines Zahnrad im längst vorberechnetem Uhrwerk des Universums bin, ich will all dem Chaos mit dem Ego eines Gottes entgegentreten. In gewisser Hinsicht bin ich göttlich. Hach.


   
Taa.

    Ich bin stärker geworden. Stärker noch als ich vor meinem Tod gewesen bin. Eine gewisse neue macht fließt durch meine Adern, brennt in meinen Fingerspitzen, erwärmt die Luft, die ich ausatme. Mal sehen, was sie bewirken kann. Es muss etwas Großartiges sein, ich kann die riesigen Ausmaße erahnen.
    Der Mond schwebt über meinem Haupt, der Vollmond lenkt das Sonnenlicht auf mich und meine Umgebung. Ein kleiner Park, ein Teich, eine Bank, ein Mensch auf der Bank. Ein herabfallendes Blatt segelt an meinen Augen vorbei, also ist es Herbst. Entweder ich frage den Menschen nach dem Datum oder ich frage meine Kräfte nach ihrer Wirkung.
Das Zweite klingt weitaus verlockender, wer hätte das gedacht.

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