Navigation

Die Faszination des Sinnlosen

 

    Es geht um die Interpretationswut von Menschen. Das, was einem ständig in der Schule eingeredet wird, diese Suche nach den wichtigen Einzelheiten, dieser Glaube an die Wichtigkeit eines jeden Wortes und die Überzeugung, dass alles das, was sich intelligent und philosophisch anhört, es auch ist.
    
    Wurde früher noch tatsächlich versucht, wichtige (oder einem selbst wichtig erscheinende) Gedanken in ansprechende Texte zu verpacken, wurden früher tausende Querbezüge und Referenzen in die eigenen schriftlichen Ausgüsse eingearbeitet, welche die Zuhörer und Leser durch anstrengendes Nachdenken und Recherchieren herauskriegen konnten, um endgültig zu verstehen, was der Autor ihnen mit seinem Text wirklich sagen wollte, so entsteht heute diese Bedeutungsebene erst in der Wahrnehmung der Zuhörer und Leser selbst – ursprünglich existiert sie gar nicht.

    Die grundlegende Erkenntnis bei diesem Gedankengang lautet: Es braucht keine Texte, die schlau und aussagekräftig sind, es braucht Texte, die schlau und aussagekräftig wirken, um mit ihnen (zumindestens bei einer bestimmten Klientel) Erfolg zu haben und Menschen zum Nachdenken anzuregen. Man benötigt keinen Grundgedanken, keine ausgeklügelte Struktur – man benötigt lediglich einen klaren Anfang, aus dem heraus man etwas erschaffen kann, was in den Köpfen anderer ein Eigenleben entwickeln kann. Denn beim zunächst sinnlosen Schreiben fließt das Unterbewusstsein des Autors in seinen Text ein, wodurch sich ein Puzzle aus hunderten oder tausenden verschiedenen Eindrücken und Gedankenfetzen bildet, die ursprünglich in keinem Kontext zueinander stehen. Ein solcher Text ist in seiner Natur sinnlos, er trägt keine echten Aussagen in sich, er widerspricht sich womöglich selbst, ist verworren, unstet und, sofern man kein psychologisches Profil des Verfassers zur Hand hat, uninterpretierbar.

    Und doch ist er das, auf einer anderen Ebene jedenfalls: Denn der Leser hat eine bestimmte Erwartung an jenen Text, er erwartet eine Sinnebene, welche es zu entdecken gibt. Da diese Einstellung allgemein gültig ist und nicht vom Text beeinflusst ist, führt sie beim Lesen zu eben jener Suche nach der Sinnebene. Ist diese nicht vorhanden, sucht das Gehirn des Lesers nach einer Lösung für dieses Dilemma und erschafft so auf Grundlage des Textes eine an sich nicht vorhandene, illusorische Bedeutungsebene, welche in Wirklichkeit gänzlich dem Bewusstsein des Lesers selbst entsprungen ist. So bringt ein sinnloser Text einen Leser dazu, sich eine Pseudobedeutung für diesen auszudenken, welche anschließend als „Intention des Autors“ behalten wird. Dadurch entstehen selbst aus den sinnbefreitesten Gedankengängen im Endeffekt echte Aussagen, die nun außerhalb des Textes existieren.
    Der ursprüngliche Text ist somit wie unfruchtbarer Boden, auf dem ein Mensch ganz versessen eine wunderschöne Blume pflanzen möchte, exakt auf dieser Stelle. Also ersetzt er in seinem Wahn den eigentlichen Boden mit eigenem fruchtbaren Boden und nährt diesen mit Eindrücken des alten Bodens, winzige Bestandteile des Textes vermischt er mit eigenen Ideen und lässt so daraus Samen werden, die er wie mit Wasser mit seinen weitergehenden Interpretationen begießt, bis sie wachsen und gedeihen und am Ende zu der schönen und sinnreichen Blume werden, die dieser Mensch haben wollte.

    Natürlich sind nicht alle Texte dafür besonders gut geeignet: Manche sind zu unansprechend, sodass man gar nicht erst auf die Idee kommt, auf ihnen seine Gedanken gedeihen zu lassen, viele versuchen selbst richtige Aussagen zu formulieren und scheitern daran, dass sie doch durch und durch pseudo sind. Texte sind wie Parasiten: Sie können nicht alleine „überleben“, sie benötigen die Reflexion anderer, um zu etwas zu werden. Und nicht nur Texte haben diesen Charakter: Auch Reden besitzen oftmals diesen parasitären Charakter, blasen sich durch hochgestochene Formulierungen zu epischen Maßen auf und sind wie riesige Seifenblasen, deren Schimmern die Fantasie der Menschen beflügeln lässt. So entstehen manchmal gar anerkannte Genies, deren einzige Genialität darin besteht, aus dem Nichts das Alles zu machen und mit ihren eigenen Bewusstseinsströmen die Gehirne anderer zum Laufen zu bringen. Ein riesige Fassade, hinter der das absolute Chaos herrscht, und doch ist diese Fassade für so viele ein Lebenssinn. Und sobald diese Fassade alle Kriterien des modernen Designs erfüllt, gibt es gar die Möglichkeit einer Kultivierung dieser. Das Geniale, Göttliche, Kultige und Ewige ist in Wirklichkeit nur ein mit Farbstoff gefülltes Vakuum, nicht mehr.

    Kultur und Geisteswissenschaft als die blindeste kollektive Selbsttäuschung, die man sich nur vorstellen kann. Hier schließt sich der Kreis (oder doch das Möbiusband?) des Seins, welches im Nichts beginnt, irgendwann im Alles endet und dann wieder einen Übergang ins Nichts vollzieht. Doch woraus genau besteht der Kreis oder das Band selbst?

Nach oben