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Das Wesen des Nicht-Menschlichen

 

    Zerfressen sind die Kirchen Gottes. Zerfressen von den Menschen selbst, nein, gar von den Nicht-Menschen, den Möchtegern-Menschen. Götter sollten es sein, am Ende ihres Weges, doch irgendwo haben sie ein Päuschen gemacht und haben seitdem weder die Kraft noch die Lust, aufzustehen. Einmal sich in einer gemütlichen Umgebung hingelegt, schon gibt es nichts Schöneres mehr auf der Welt. Ich kenne das, ich bin gewiss nicht viel anders. Aber es gibt doch einen kleinen Unterschied zwischen dem blinden und naiven Menschen und dem, der seine Fehler erkennt, manchmal auch analysiert. Für die Menschheit sicherlich kein allzu großer Gewinn, aber doch einer für das Individuum.

     Einst erschuf Gott das Paradies, dann den Menschen, welchem er dieses zeigte, seinen Genuss, seine selige Perfektion, tatenlos und glücklich. Doch dann erschien der Geist der Gerechtigkeit und schickte den Menschen fort, auf dass sich dieser sein eigenes Paradies selbst erschafft, es sich verdient. Jahrtausendelang baute sich der Mensch entgegen allem Leid und aller Qual seine eigene Welt auf, ließ sich von nichts unterdrücken und passte sich  seine Umgebung an, anstatt sich dieser anzupassen. Doch irgendwann einmal entschied er sich dafür, anzuhalten und ruhig lächelnd zu verharren, in dem Glauben, das lang ersehnte eigene Paradies endlich erreicht zu haben. Dann legte er sich hin und tat nichts mehr.
    Das ist unsere Gegenwart.

    Doch ist unsere heutige Welt wirklich das Paradies? Haben wir endlich die Perfektion erreicht? Und selbst wenn, ist es denn wirklich das, was wir brauchen? Bedeutet Stillstand nicht den Tod? Leben wir denn nicht, um uns ständig weiterzuentwickeln? Wo bleibt denn das schaffende Chaos des Lebens? Wir sind wohl die Götter unseres Paradieses, doch wo bleibt unser Gegenstück, ohne welches wir so unvollständig sind? Wo ist er geblieben, der Geist des Gleichgewichts? Oder erscheint uns dieser erst dann, wenn wir uns endlich als Götter erkennen? Wir tun nichts mehr, da uns alles getan scheint, doch ist das das Richtige? Soll unsere Zukunft wirklich so aussehen, wie unsere Gegenwart? Ohne jegliche Verbesserungen, ohne jegliche Weiterentwicklungen?
   Die wichtigste und allem Anschein nach unbeantwortbarste Frage ist: Müssen wir überhaupt etwas? Reicht es uns denn nicht, einfach nur zu leben, oder sind wir doch zu etwas Höherem bestimmt? Und was bedeutet „leben“ überhaupt?

    Kann ich denn von mir behaupten, dass ich lebe, in welchem Sinne auch immer? Oder tue ich nur so? Ich atme, esse, besuche ab und zu die Toilette und sogar denken tue ich ab und zu, aber irgendetwas fehlt mir, habe ich das Gefühl. Mein Gehirn sagt mir von Tag zu Tag, dass ich etwas falsch mache, doch ich weiß nicht genau, was. Ich verachte meine Mitmenschen für ihr Nichtstun, doch allzu besser als sie bin ich auch nicht, nicht in meinen Taten. Ich kümmere mich nicht um sie, doch nicht einmal um mich kümmere ich mich wirklich. Auch um mich kümmert sich niemand. Soll ich denn aufstehen? Soll ich denn etwas tun? Was soll ich denn machen? Kann mir das irgendjemand sagen? Jeder von uns braucht doch einen kleinen Anstoß, doch wo bleibt der brutale Erlöser? Und wollen wir das denn überhaupt, erlöst zu werden, aus unserem ach so tollen Frieden in die Gefahren des echten Lebens gestoßen zu werden? Schwere Frage.

   Wisst ihr was? Mir fällt gerade etwas auf, was ich für sehr interessant halte: Wurde der Ursprungsmensch nicht erst dann zu Menschen, als er von Gott verstoßen wurde? Als er diesen Apfel, oder was das auch immer gewesen sein mag, gegessen hat, den Apfel der Erkenntnis von Gut und Böse? Wir wurden doch als Ebenbilder Gottes erschaffen und dann vom Teufel zu Menschen gemacht. Doch das Ebenbild Gottes war befreit von allen Sorgen und folglich von allen Gedanken und Ideen, höheres Denken war ihm untersagt, er hatte nicht die Freiheit, Entscheidungen zu treffen. Der Mensch dagegen, er ist frei, er hat die freie Wahl zwischen „Gut“ und „Böse“, Licht und Schatten und sonstwelchen Begriffen. Dadurch wird er ja erst zum Menschen.
   Jetzt wird mir auch der Stillstand der Welt klar. Durch die Problemlosigkeit unserer Welt erlangen wir unsere naive Halbgöttlichkeit wieder, verlieren aber dadurch unsere freie Menschlichkeit, opfern die Faszination des Risikos der belanglosen Ruhe. Die Frage lautet: Wollen wir ruhige Halbgötter oder wilde Menschen sein? Und die zweite Frage lautet: Was muss denn geschehen, damit wir uns dieser Wahl überhaupt bewusst werden? Unsere Welt, der Teil, in dem wir leben, ist dermaßen heil, dass wir die Existenz des „Bösen“ gar nicht bemerken. Woanders auf der Welt sieht es schon anders aus. Krieg nährt die Menschlichkeit, Krieg gibt uns die lebensnotwendige Wahl. Ist das möglicherweise der Grund für Kriege, diese Flucht aus dem grausamen, friedlichen Zerfall der Menschheit? Ein Aufrechterhalten des heiligen Gleichgewichts, wieder einmal mehr verpönt, als es eigentlich sein sollte. Ein Dankeschön für ein Massensterben? Pseudophilosophie kann schon absurd sein...


   Die erschütternde Erkenntnis: In einem Pseudo-Paradies vergammeln wir als Möchtegern-Götter, während unsere Essenz des Menschlichkeit nach und nach schwindet. Und weil wir soviel Angst vor dem Unbekannten, vor Gefahr und Risiko haben, ist eine Veränderung lange nicht in Sicht, denn der Geist der Gerechtigkeit schweigt und Gott selbst hat sich schon lange von uns abgewendet, denn jetzt sollen wir uns selbst um uns kümmern, und wenn wir dabei verrecken sollten.

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