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Filme, die man gesehen haben sollte - Teil 2

Filme, die man gesehen haben sollte - Teil 2

Und hiermit geht meine subjektiv-ultimative Liste in die zweite Runde. Lesen, merken, anschauen, toll finden, sich cool fühlen, weiterempfehlen.



#11: "Natural Born Killers" (US 1994, Regie: Oliver Stone)

     
                   

Worum geht's:

   Mickey (Woody Harrelson) und Melorie (Juliette Lewis) hassen ihre Umwelt, dafür lieben sie sich gegenseitig - und das Töten von anderen Menschen! Fröhlich fahren sie durch die USA, erschießen ständig Leute mit und ohne Grund und erfreuen sich größter Beliebtheit in den Medien. Irgendwann machts "Bäm!", alles geht schief und sie sitzen im Gefängnis. Schluss, fertig, aus? Denkste! Als ein sensationsgeiler Reporter (Robert Downey jr.) auf die glorreiche Idee kommt, eine Sendung mit den beiden zu machen, gibt es ein noch viel größeres "Bäm!" mit weitreichenden Konsequenzen für alle Beteiligten.

Was ist so toll daran:

   Die grandiose Vereinigung aus provokantem, medienkritischem Inhalt und einer sich über alle Stilrichtungen hinwegsetzenen, überschwänglichen und stilistierten Inszenierung, die einen ab den ersten Minuten (ungemein stimmungsvoll mit Leonard Cohens "Waiting For The Miracle" unterlegt) mitreißt und nicht mehr loslässt. Wer behauptet, dass Stone hier Gewalt zelebriert und verherrlicht, sollte sich über die Bedeutung des Wortes "subversiv" lieber noch einmal informieren - sein "Natural Born Killers" ist der endgültige Tritt in die kleinen Eier der sensationsgeilen Massenmedien, ein wilder Trip um menschliche Besessenheit, dem Drang nach Freiheit und der Lust an Gewalt. Der Film bläst einen weg, lässt den Zuschauer mit einem fiesen Grinsen im Gesicht durch cineastische Orgasmen sterben, durchbricht alle Konventionen und ist so herrlich überdreht und plakativ, dass es ein reines Vergnügen ist, in jeder überzogenen Einstellung, in jeder blutigen Szene. Ein Hochgenuss auf Speed mit Biss und Hintersinn.


#12: "Bin-jip" (KR, JP 2004, Regie: Kim Ki-duk)

         
            

Worum geht's:

   Irgendwie um Realität und Illusion, irgendwie um Sehnsucht und Melancholie, irgendwie um Unterdrückung, irgendwie um Schmerz und Leid, irgendwie um Freude, irgendwie um Privatsphäre, irgendwie um Respekt, irgendwie um Liebe, sehr stark sogar -  vielleicht um Nichts, vielleicht um Alles und vielleicht um etwas ganz Anderes.

Was ist so toll daran:

   Die Unfähigkeit, dieses Etwas in vernünftige Worte zu fassen. Uneingeschränkte Sehempfehlung für alle, die von sich behaupten würden, sie hätten ein Herz.


#13: "Pulp Fiction" (US 1994, Regie: Quentin Tarantino)

           
                

Worum geht's:

   Um das Zelebrieren und gleichzeitige Demontieren von klassischen Genreklischees. Sprich: Darum, was Gangster so treiben, wenn sie nicht gerade berufstätig zwiliechtige Geschäfte abwickeln und Menschen töten - also über BigMacs philosophieren, Autos waschen und in ungemütliche Situationen reinschlittern.

Was ist so toll daran:

   Quentin Tarantinos beinahe erschreckende Fähigkeit, lebendige Figuren zu erschaffen, die so wenig Besonderes an sich haben und dennoch für alle Ewigkeiten im Gedächtnis bleiben. "Pulp Fiction" ist pures Stimmungskino, doch er gibt keine reale Stimmung wieder, sondern vielmehr die der Welt in Tarantinos Kopf - einer Welt, die auf hunderten anderen Filmen begründet ist und dennoch genug Eigenständigkeit besitzt, um niemals wie ein Plagiat, sondern mehr wie eine liebevolle Hommage auszusehen. Der Film bürstet die altbekannten Motive so gekonnt gegen den Strich, dass man sich nie wirklich sicher sein kann, was als nächstes geschieht - eine Leistung, die in diesem Genre verdammt selten ist. Im Endeffekt ist "Pulp Fiction" so etwas wie ein komplett nutzloser, aber unheimlich sympathischer und amüsanter Kumpel, der rational betrachtet eine Zeitverschwendung ist, aber ohne den man irgendwie doch nicht auskommt. Wer dieses Meisterwerk nie gesehen hat, sollte vor Scham sofort in den Boden versinken.


#14: "(500) Days Of Summer" (US 2009, Regie: Marc Webb)

               
             

Worum geht's:

   Um den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen "Liebe" und "Verliebtheit" und wie schwer dieser zu erkennen ist, wenn es nötig wäre.

Was ist so toll daran:

   Es gibt so viele Liebesfilme auf dieser Welt, die das Thema aus allen möglichen Perspektiven beleuchten, und es gibt so wenige von ihnen, die es schaffen, jenes wirklich ehrlich und originell darzustellen. "(500) Days Of Summer" gehört zu diesen Ausnahmen: Der Film ist nicht nur ein Beweis dafür, dass "Independentfilm" immer noch für Originalität stehen kann, er stellt auch eine differenzierte und detailgenaue Abhandlung übers Verlieben, das Zusammensein und das Trennen dar. Und diese wird mit so vielen erfrischenden und visuell bestechenden Ideen in Szene gesetzt, dass man zu keinem Zeitpunkt daran denkt, dass man im Grunde nichts sehen bekommt, was man nicht schon weiß. Ganz im Gegenteil, an vielen Stellen möchte man am liebsten "Genau so ist das!" dem Film zurufen - also wenn das mal kein gutes Zeichen ist.


#15: "Stalker" (RU 1979, Regie: Andrej Tarkowskij)

 

                                              


Worum geht's:

    Um die geheimnisvolle "Zone", einem Ort mit eigenen Regeln und Naturgesetzen, der angeblich ein Zimmer beherbergt, welches Wünsche erfüllen kann, und um drei Männer, die sich dorthin begeben, um das Ungewisse zu suchen, und am Ende doch nur sich selbst finden. Das "nur" kann man übrigens getrost streichen.

Was ist so toll daran:

    Eine bekannte Geschichte mit leichter Änderung: Jemand hält mir eine Pistole an den Schädel und will von mir den besten Film aller Zeiten nach "Oldboy" wissen. Ich würde nicht lange überlegen und "Stalker" sagen. Dieses unendlich ehrliche, unerreicht atmosphärische und unglaublich tiefsinnige Ungetüm von einem Kunstfilm ist mehr als nur ein Film - vielmehr ein Spiegel für den (denkenden) Zuschauer, ein Trip zu sich selbst, ein Rausch des Bewusstsein...ich könnte auch in diesem Falle stundenlang schwärmen und doch nie ein Ende finden, deswegen beschränke ich mich auf einen kurzen (und garantiert vertrauenswürdigen) Satz:
    Wenn es einen Film gibt, der die Essenz des Menschlichen in sich trägt, dann ist es "Stalker". 

=> Rezension auf Moviereporter.net


#16: "Vincent" (US 1982, Regie: Tim Burton)

    
                   

Worum geht's:

    Der junge Vincent tut lieb und freundlich, doch in Wirklichkeit ist er ein riesiger Fan von Vincent Price (eigentlich von den durch jenen verkörperten Filmfiguren), weswegen er die ganze Zeit über in seinen Gedanken böse Taten begeht und ständig in Melancholie schwelgt. Nein, das alles wird bestimmt kein gutes Ende nehmen.

Was ist so toll daran:

    Tim Burtons Stop-Motion-Animationskurzfilm ist möglicherweise sein bestes Werk. Dank der kurzen Dauer gibt es keine Wiederholungen von bestimmten Motiven, sondern originelle Einfälle im Sekundentakt. Untermalt wird das Ganze von grandioser Musik und der unheimlich stimmungsvollen Stimme von Vincent Price selbst, bei der sogar Zombies eine Gänsehaut bekommen würden. Es ist höchst selten, dass ein Regisseur bereits mit seinem Debüt sein Essenzwerk abliefert - Tim Burton tut es, mit viel Stil und Hingabe sowie mit einem selbstironischen Augenzwinkern.


#17: "Dogville" (SE, NL, IT, FR, DE, US, NO, JP, GB, FI, DK 2003, Regie: Lars von Trier)

              

Worum geht's:

    Irgendwo in den Rocky Mountains liegt das kleine feine Dorf Dogville, in dem freundliche, gerechte und fleißige Menschen leben. Eines Tages taucht die schöne Grace (Nicole Kidman) auf und sucht Schutz vor Banditen. Durch selbstlose Arbeit und die Hilfe des jungen Idealisten Tom (Paul Bettany) verdient sie sich nach und nach den Respekt der zunächst misstrauischen Dorfbewohner. Doch irgendwann beginnen jene, ihre Zähne zu fletschen, und machen dem Namen ihres Dorfes alle Ehre.

Was ist so toll daran:

   Die Art und Weise, wie Lars von Trier mit minimalen Mitteln seine Abneigung gegen Amerika (eigentlich seine Abneigung gegen Menschen im Allgemeinen) in einen höchst manipulativen und grenzenlos gemeinen Film bannt. Ohne richtige Kulissen und nur mit den wirklich benötigten Requisiten ausgestattet spielt eine durchgehend großartige Schauspielerriege von einer Kamera begleitetes Theater und haut dem Zuschauer soviel (Un-)Moral um die Ohren, dass man am Ende mit einem bösen Grinsen zurückbleibt, ohne so recht zu wissen, ob man nun über den Film oder über sich selbst lacht. "Dogville" ist minimalistisches, arrogantes, sehr langes und besserwisserisches Kino, mit dem die meisten denkenden Mensch einen großen Spaß haben werden. Wir Menschen sind schon verdammte Arschlöcher und es tut manchmal so gut, über diese Tatsache zu lachen. Die Fortsetzung "Manderlay" ist ebenso empfehlenswert, da geht es um Demokratie und so.

=>
"Dogville" - Ein Gedicht 


#18: "Irreversibel" (FR 2002, Regie: Gaspar Noé)

 

             

Worum geht's:

   Um die winzige Grenze zwischen der ungestümen Schönheit des Lebens und abgrundtiefer Brutalität der Zerstörung dieses.

Was ist so toll daran:

   "Irreversibel" beginnt am überaus brutalen (und im Moment des Betrachtens noch kontextlosen) Ende und beleuchtet in zeitverkehrter Reihenfolge die zuvorgehenden Ereignisse. Das mag wie eine Entschärfung der Schonungslosigkeit klingen, tatsächlich ist es höchster Sadismus des Regisseurs, dem Zuschauer Glück und Harmonie zu präsentieren, während er im Hinterkopf das Wissen um das weitere Schicksal der Protagonisten trägt und sich dadurch umso mehr der Labilität ihres Lebens bewusst wird. "Irreversibel" ist ein durch die entfesselte Kameraarbeit berauschendes, durch die improvisierten Dialoge lebensechtes und durch zwei extrem brutale Sequenzen verstörendes Meisterwerk aus der Sparte "Kontroverses Kino", welches zu den wenigen echten filmischen Grenzerfahrungen zählt, die hinter ihrer Schockwirkung eine nicht weniger schockierende Substanz verbergen.

=>
Was ist "Irreversibel"?


#19: "Tetsuo" (JP 1989, Regie: Shinya Tsukamoto)


    
             

Worum geht's:

   Ein gewöhnlicher Geschäftsmann wacht eines Morgens auf und findet einen Metallsplitter in seiner Wange. Das ist noch seltsam - spätestens wenn er in einer U-Bahn-Station von einer halbmetallischen Frau verfolgt wird und merkt, wie aus seinem eigenen Körper immer mehr Eisenteile wachsen, wird der Film nur noch eins: Krank bis zum gehtnichtmehr.

Was ist so toll daran:

   "Tetsuo" gehört in die Kategorie "Schwer bis gar nicht erfassbare Filme" und stellt einen der ganz bösen "Mindfucks" dar. Die Schwarz-Weiß-Optik mit dem Cyberpunk-Touch nimmt die Augen durch, die abgedrehte und an allen Konventionen vorbeigesponnene Story das Gehirn und am Ende fragt man sich, was das alles eigentlich sollte. Ein perfides Body-Horror-Experiment mit ganz viel Metall? Eine Metapher auf die übermäßige Rolle von Technik in der heutigen Welt? Was es auch immer ist, es fetzt ordentlich und auch wenn einem am Schluss das Verständnis für das Geschehen abkommt, die perverse Konsequenz dessen verleitet zu einem ahnungslosen, aber erfüllten Grinsen. Echtes Mitternachtskino mit beängstigender Machart, verwirrend und verstörend.


#20: "Magnolia" (US 1999, Regie: Paul T. Anderson)

               

Worum geht's:

   Um die faszinierende Verflechtung von menschlichen Schicksalen, die unwirklich und magisch scheint und doch alltäglich ist. Und um bröckelnde Fassaden von Lebenslust, Zynismus und Gutmütigkeit.

Was ist so toll daran:

   Eine perfekte Introsequenz, preisverdächtig aufspielende Akteure wie Philip Seymor Hoffman, John C. Reilly oder William H. Macy (und wer Tom Cruise für einen miesen Schauspieler hält, hat ihn wohl nie als verbitterten Sex-Guru Frank erlebt), die unglaubliche Intensität und Emotionalität und das größenwahnsinnig scheinende und zugleich berührende wie versöhnende Ende, an dem zwar nicht jeder Gefallen finden wird (Bibelbezüge und so), dessen Mut aber dennoch beeindruckt. "Magnolia" dauert knappe drei Stunden, ist jedoch durch die große Abwechslung niemals langweilig, bietet zig Momente, die man niemals vergessen möchte und ist das womöglich beste Episodendrama. Die Schlussszene entlockt mir übrigens jedes Mal Glückstränen und ich stehe dazu.

=> Rezension auf Moviereporter.net

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