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Filme, die man gesehen haben sollte - Teil 1

Filme, die man gesehen haben sollte - Teil 1


    Es gibt so viele Filmbestenlisten dieser Welt und mit keiner bin ich persönlich so recht zufrieden - ständig fehlen unerlässliche Filme, nur weil die Ersteller der Listen diese nicht gesehen haben, oder es sind welche dabei, auf die man wirklich sehr gut verzichten könnte. Also habe ich mir gedacht, erstelle ich mir einfach selbst eine und damit dies nicht zu reinem Selbstzweck verkommt, stelle ich sie jedem zur Verfügung, der glaubt, meine Meinung würde etwas wert sein. Und da spröde Auflistungen von Titeln einfach nur langweilig sind, schreibe ich am besten zu jedem Film, wovon dieser überhaupt handelt und wieso man gerade ihn gesehen haben sollte, wenn man sich für das Medium interessiert. Voilá, hier die ersten zehn Titel! (Die Nummerierung soll übrigens keine Rangfolge sein - ich würde ohnehin nie eine erstellen können, mit der ich wirklich zufrieden wäre - sondern dient lediglich der reinen Übersicht)

 

#1: "Requiem For A Dream" (US 2000, Regie: Darren Aronofsky)

              


Worum geht's:

    Auf den ersten Blick um Drogenabhängigkeit, auf den zweiten um Sucht im Allgemeinen. Ein junger Kerl, sein bester Freund und seine Freundin wollen durch Drogendeals Geld verdienen, während sene Mutter für den Auftritt in einer Fernsehshow abnehmen möchte und sich deswegen Appetitzügler verschreiben lässt. Dass alles irgendwann schiefgeht, ahnt man schnell, die Konsequenz und die Schonungslosigkeit, mit der dies passiert, trifft einen dennoch mitten in den Magen.

Was ist so toll daran:

    Der Regiesseur Darren Aronofsky bebildert die Geschichte, als würde er jeden einzelnen Frame an ein Museum verkaufen wollen, und Clint Mansell (wem der Name nichts sagt: Das ist der vielleicht beste Filmmusikkomponist unserer Zeit) liefert dazu einen Score, der einen mitreißt und am Ende die perfekte Melodie für die "Nein!"-Schreie in den eigenen Gedanken bietet. Die Schauspieler setzen ebenfalls alles daran, um aus dem Film einen Trip zu machen, der einem noch lange wie ein Stein im Magen liegen bleibt. Die Botschaft "Drogen sind böse und Sucht führt zu nichts Gutem!" kommt hier nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit einem dröhnenden Hammer, der einen in den Boden stampft und für einen audiovisuellen Rausch sorgt, nach welchem man sich keinen echten Rausch mehr wünscht.

=> Rezension auf Moviereporter.net

 

 

#2: "Eraserhead" (US 1977, Regie: David Lynch)


        


Worum geht's:

    Um das grässlichste Baby der Filmgeschichte, mit dem sich der arme Protagonist (großartig: Jack Nance) abgeben muss, nachdem er eine von ihm schwangere Frau heiratet. Das vermeintliche Kind sieht aus wie der kleine hässliche Bruder von E.T und schreit, als würde es dafür bezahlt werden. Dass sich das alles in einer Welt zuträgt, die irgendwo zwischen Industriehölle und postnuklearen Ruinen angesiedelt ist und von seltsamen Menschen bevölkert wird, denen man nicht in einem einsamen U-Bahn-Waggon begegnen würde, macht das ganze nicht erträglicher. Was liegt also ferner, sich beim Anschauen der Heizung in eine andere Welt zu träumen, in der man...ach, lieber nicht zuviel verraten.

Was ist so toll daran:

    "Eraserhead" ist ein echter Alptraum. Die Schwarz-Weiß-Bilder zeigen uns eine Welt, die auf eine ganz unangenehme Art und Weise anders ist und dem Zuschauer eine Gänsehaut über den Rücken jagt Die bedrückende Stimmung wird durch die Anwesenheit des Kindes noch verschlimmert: Sein unaufhörliches Geschrei und seine widerwärtige äußere Erscheinung könnten jeden in den Wahnsinn treiben. Kein Wunder, dass bald ganz Lynch-typisch Realität und Traum verschwimmen und Dinge geschehen, die man sich nur ganz schwer erklären kann. David Lynchs erster Langfilm ist ein unbehagliches und ungemütliches Werk, welches man sich am besten in tiefer Nacht anschauen sollte. Doch trotz der depressiven Grundstimmung kann der Film auch als extrem schwarze und makabere Komödie durchgehen - besonders, wenn man bedenkt, dass es entstand, als der Regiesseur selbst Vater wurde. Schwangeren ist der Film somit nicht zu empfehlen, einen Kinderwunsch weckt der Film nicht gerade. Am besten einige Zeit nach dem "Genuss" noch einmal "Die Monster AG" schauen, danach hat man die Kleinen wieder ausnahmslos wieder lieb.

=> Ein Alptraum namens "Eraserhead"


   
#3: "Memento" (US 2000, Regie: Christopher Nolan)

             


Worum geht's:

    Leonards Frau wurde vergewaltigt und getötet und jetzt will er Rache. Leider gibt es da ein kleines Problem: Er besitzt kein Kurzzeitgedächtnis, vergisst also alles Neue nach wenigen Minuten. Deswegen macht er ständig Fotos, schreibt sich Notizen und lässt sich auf den Körper Hinweise auf den Täter tätowieren. Fragt sich nur, wie sehr man sich auf diese verlassen wollte. Man ahnt es schnell: Leonard hat sein Leben so gar nicht unter Kontrolle - oder etwa doch?

Was ist so toll daran:

    "Memento" hat einen ungewöhnliche Protagonisten und dadurch auch eine ungewöhnliche Erzählweise: Der Film verläuft rückwärts, beginnt also mit dem Ende und endet mit dem Anfang. Wer denkt, dass dadurch die Spannung raus ist, weil man den Schluss ja bereits kennt, soll sich schweigend eines Besseren belehren lassen: "Memento" bietet alle paar Minuten neue Wendungen und lässt den Zuschauer genauso ahnungslos in jede Szene treten, wie es Leonard tut. Nach und nach wird man Zeuge von ständigem Betrug und stetiger Manipulation, bis man ein Ende serviert bekommt, welches gewitzt und unendlich böse zugleich ist und noch lange nachwirkt. Hiermit zeigte Nolan schon lange vor "The Dark Knight" und "Inception", dass er nachhaltige und originelle Filme machen kann.

=> Rezension auf Moviereporter.net



#4: "Oldboy" (KR 2003, Regie: Park Chan-Wook)

              

 

     


Worum geht's:

    Ein einfacher Geschäftsmann wird urplötzlich ohne Worte oder Erklärungen entführt, 15 Jahre lang in einer Zelle festgehalten und anschließend wieder in die Freiheit entlassen. Dass er auf Rache sinnt, überrascht wenig. Dass nach den folgenden fünf Tagen die Haftzeit beinahe harmlos erscheint dagegen sehr. Mehr zu erzählen grenzt an eine Todsünde, der Film lebt von seinen überraschenden Wendungen.

Was ist so toll daran:

    Ganz ehrlich? Alles. Wenn man mir einen Pistole an den Kopf halten und mich dazu zwingen würde, mich für den einzigen perfekten Film zu entscheiden, würde ich ohne viel Überlegen "Oldboy" sagen. Der Film ist kameratechnisch ein Genuss, musikalisch ein Rausch, schauspielerisch eine Wucht und storytechnisch ein Schlag in den Magen. Zusätzlich gibt es die inszenatorisch beste Kampfszene aller Zeiten, zahlreiche zitierwürdige Sätze ("Lache und die ganze Welt lacht mit dir - weine und du weinst alleine."), eine auf den ersten Blick extreme Gewaltdarstellung, die in Wirklichkeit aber zum größten Teil im Kopf des Zuschauers entsteht, und ein verstörendes Ende, welches dem Begriff "Rache" eine Extreme bietet, die sonst wohl kaum ein anderer Film erreicht. Wenn ich noch mehr darüber schreibe, werde ich nur noch sinnlos schwärmen - einfach anschauen, besser heute als morgen.



#5: "Braindead" (NZ 1992, Regie: Peter Jackson)

          


Worum geht's:

    Darum, wie man einen Haufen Zombies möglichst blutig und originell unschädlich macht, sowie um einen Mutter-Sohn-Konflikt, der die ultimative Eskalation erlebt.

Was ist so toll daran:

    Bevor Peter Jackson seinen Wahnsinn damit bewies, dass er sich an die Verfilmung eines als unverfilmbar geltenden Buchs wagte und diese Aufgabe auch noch würdig erfüllte, setzte er sich im Funsplattergenre ein bis heute unerreichtes Denkmal. Menschen mit schwachem Magen sollten "Braindead" vorsichtshalber meiden, alle anderen müssen ihn gesehen haben: Es ist unglaublich, wie viel Blut in einem Film fließen kann, und es ist unglaublich, wie verdammt komisch dieser Gewaltgrad serviert werden kann. Der Film bietet skurille Ideen und bösartigen Humor am laufenden Band, dass man aus dem Staunen und Lachen gar nicht mehr rauskommt. Eine Splatterorgie mit maximalem Fun-Faktor, bei der man die Begeisterung der Macher in jeder Szene fühlen kann. Die Effekte beweisen übrigens, dass handgemachte Gewalt billigem CGI-Blut in alle Ewigkeiten überlegen bleiben wird.



#6: "Die Fliege" (US 1986, Regie: David Cronenberg)

            


Worum geht's:

    Ein Wissenschaftler experimentiert mit Teleportationen und vermischt bei einem Versuch versehentlich seine Gene mit denen einer Fliege. Das merkt er zuerst gar nicht und anschließend fühlt er sich sogar ganz gut dabei, doch schon bald befinden sich die Veränderungen an seinem Körper nicht nur im positiven Bereich - und wer will schon irgendwann als Fliege enden? Niemand, auch nicht der Protagonist, doch eine andere Wahl bleibt ihm nicht.

Was ist so toll daran:

    "Die Fliege" ist Bodyhorror pur. Wer das Subgenre nicht kennt: Dabei geht es um schreckliche Veränderungen am Körper eines Menschen, der Horror resultiert also aus keiner äußeren Quelle, sondern ist in den Protagonisten selbst verborgen. Hört sich eklig an und ist es auch - schon zu Beginn darf man sich David Cronenbergs Vision eines von innen nach außen gekehrten Pavians betrachten. Doch Cronenberg wäre nicht Cronenberg, wenn er dem Ganzen keine psychologische Komponente beifügen würde - und gerade diese lässt die Metamorphose zu einem intensiven und verstörenden Erlebnis werden. Jeff Goldblum spielt dabei wohl seine denkwürdigste Rolle und das ziemlich gut, die Tragik der Geschichte weiß er gekonnt darzustellen. "Die Fliege" ist ein Meilenstein der intelligenten Horrorfilme - und für einige sicherlich auch der Beweis, dass es solche gibt. Auch hier gilt: Handgemachte Effekte können verdammt realistisch sein.



#7: "Scarface" (US 1983, Regie: Brian de Palma)

               


Worum geht's:

    Tony Montana (eine abgefuckte Naturgewalt: Al Pacino) hat keine Lust mehr auf das kommunistische Kuba und kommt in die USA, um den Amerikanischen Traum zu leben, steigt wortwörtlich vom Tellerwäscher zum Millionär auf, vergießt viel Blut und flucht sich auf den Podest der coolsten Filmfiguren aller Zeiten. Am Ende darf er für seine Sünden zahlen und dabei noch mehr Blut vergießen und fluchen.

Was ist so toll daran:

    "Scarface" trägt dasselbe Gefühl der blutigen Gangsterfreiheit in sich wie die "GTA"-Spiele und Tony Montana nutzt diese aus, wo es nur geht. Al Pacino spielt die Rolle seines Lebens und macht keine Kompromisse bei seinem Aufstieg zum Drogenboss, ebensowenig wie de Palma bei der Inszenierung seiner Unterweltoper. Dass das brutalste Allmachtsgefühl der 80er in Deutschland nur in gekürzten, oder besser: verstümmelten Fassungen zu haben ist, ist eine Schande. Ein Männerfilm für die Ewigkeit und für das Genre so bedeutend wie "Macbeth" für das Theater.


#8: "Love Exposure" (JP 2008, Regie: Sion Sono)

              


Worum geht's:

    Um die unsterbliche Liebe eines Jungen zu einem Mädchen und seinem Weg zu ihr. Hört sich ziemlich altbekannt an, handelt jedoch nebenbei von Religion, Perversion, Wettbewerben um das beste Schlüpferfoto, seltsame Sekten, dem Hohelied der Liebe, unerwünschte Erektionen und noch vielen anderen Dingen, die in Windeseile dem Zuschauer ins Gehirn rasen und so schnell nicht wieder verschwinden.

Was ist so toll daran:

    "Love Exposure" dauert ganze vier Stunden und fühlt sich an wie eineinhalb - so rasant, abwechslungsreich und virtuos wird die im Grunde völlig simple Liebesgeschichte inszeniert. Man muss sich auf den abgedrehten Wahnsinn dieses japanischen Kunststücks einlassen können, aber wenn man es tut, wird man von den ersten Minuten an in einen wilden Trip zwischen Abscheu und Faszination gesogen, eine überdrehte Geschichte um Fanatismus auf den verschiedensten Ebenen. Dazu gibt es einen herrlichen Soundtrack und stylische Bilder - was will man mehr?



#9: "Lilja 4-ever" (DK, SE 2002, Regie: Lukas Moodyson)

             


Worum geht's:

    Um ein von der Mutter verlassenes Mädchen, das in einer sozial kaputten Umgebung vor sich hin gammelt und in die Zwangsprostitution getrieben wird.

Was ist so toll daran:

    "Toll" ist eigentlich das falsche Wort - nach diesem Film fühlt man sich, als wäre man selbst vergewaltigt worden. Mehr muss man dazu nicht sagen - anschauen und erschaudern!



#10: "Network" (US 1976, Regie: Sidney Lumet)

               


Worum geht's:

    Einem alten TV-Moderator soll gekündigt werden. Das gefällt ihm ganz und gar nicht, also rotzt er bei seinem Abschied vom Publikum so richtig über das Fernsehen ab. Die Zuschauer sind begeistert, also bekommt er eine eigene Show, in der er sich über Medien und die Welt aufregen und die Menschen zum Handeln aufrufen kann - diese nicken und gaffen weiter, die Quoten steigen, die Geldbeutel füllen sich und das Netzwerk pulsiert weiter.

Was ist so toll daran:

   Die Vision der medialen Manipulation ist nun knapp 35 Jahre alt, aber so wahr, dass man es gar nicht glauben möchte. "Network" ist eine bitterböse Abrechung mit der Medienwelt und zugleich ein Zeugnis dessen Unzerstörbarkeit, amüsant und ernüchternd zugleich, eine Satire für alle Ewigkeiten. Dass die Inszenierung verdammt langweilig und antiquiert ist, übersieht man aufgrund der genialen Monologe, mit deren Schärfe man Glas schneiden könnte, gerne.

Es lebe das ewige Netzwerk!

=> Alles nur ein Teil des "Network"...

 

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